Dienstag, 21. Juli 2009

38 Stunden für ein Good Bye

Samstag
Da ist er nun, der Tag, vor dem mir die letzten 6 Wochen gegraut hat. Zum Glück bin ich absolut...
unausgeschlafen und im Stress, meinen ganzen Kram flugfertig zu machen und auszuchecken. Ich krieg es ganz gut hin, kurz nach 11 Uhr bin ich raus aus meinem Zimmer und begleiche meine Zimmerrechnung von ganzen 8 cent. Die Frau hinterm Schalter fragt mich lachend, wie ich das geschafft hätte. Nun ja, neulich musste ich in der Eile mein Handy anklingeln um es im Chaos zu finden und hab die Klappe zu früh geöffnet. Ich wollte den Alarmton für den verpassten Anruf gleich wegdrücken - 3 Sekunden zu früh. Egal, dafür stehen meine 5$ fürs Türaufmachen nicht drauf. Gestern hab ichs nun das erste Mal auch geschafft mich auszuschließen, doch dummerweise war Helen mit der Ersatzkarte nicht im Haus. Die Koffer kann ich solange bei Johanna unterstellen, 15.15 Uhr werden wir vom I-House abgeholt um zum Flughafen gebracht zu werden. Mit ihr gehe ich zum Frühstück, nach und nach trudeln immer mehr ein und ich lade sie, Hans und Helen auf meine Karte zum Frühstück ein. Jeder hat hier 4 $ fürs tägliche Frühstück auf seiner Karte, die von Pall Mall bezahlt worden. Klar, ich könnt mir meine restlichen 50$ auszahlen lassen, aber es ist Atens nicht mein Geld und Btens haben mich Johanna und Helen am Anfang mit Zigaretten versorgt. Also sehe ich das als kleines Dankeschön.
Ich bestelle wieder Rühreier mit Speck und diesen anbetungswürdigen Kroketten. Die Dinger sind so klein wie Cocktailtomaten und haben eine Knusperpanade - ich könnt darin schwimmen. Außerdem bin ich nach einer Portion wie dieser bis abends gesättigt. Das erste Mal hab ich die am Mittwoch probiert und mich damit auf die Feuerleiter in der zehnten gesetzt mit dem Ausblick über den Hudson und New Jersey. Daran muss ich gerade denken, Mist! Am Tisch essen wir in aller Ruhe, lachen und schauen auch wehmütig zurück. Ich beginne meine Liste mit den Dingen, die ich vermissen werde. Daniel meint: na mich! Da hat er recht und nicht nur ihn. Bastian kommt mit einem vor Fett triefenden Stück Pizza und Katharina meint nur trocken: "Was, es gibt schon Pizza. Mist, hätt ich das gewusst" Alles grinst. Lange sitzen wir da bevor ich die restlichen Wege erledige. Ich muss nochmal in Johannas Zimmer zu meinen Koffern, aber wo ist sie? Bei Helen. Die macht mir die Tür auf, lässt mich aber nur ungern über ihre Schulter schauen während sie mir Johannas Karte gibt. Die planen doch irgend was für uns. Die Tür fällt zu und mir rollen die ersten Tränen über die Wange, die zwei werden mir extrem fehlen. Genauso große Klappen wie ich, um keinen ordinären Witz verlegen und für keine Party zu müde. Gegen 13.00 Uhr treffen sich nochmal alle im angrenzenden Park, um etwas für unsere Gönner vorzubereiten. Veraten wird an dieser Stelle nichts. Wir schaffen es gerade so, alles bis 15.00 Uhr zu beenden und das ist auch gut so. So bleibt kaum Zeit, sich der Schwere dieser Situation bewusst zu werden.






Schnell werden die Koffer von den Zimmern geholt, die Shuttle Taxis und Annika stehen schon bereit. Am Ausgang ziehen mich Johanna und Helen in eine stille Ecke und geben mir ein kleines Geschenk. Ich dürfe es aber erst im Flieger aufmachen, sagen sie. Ich breche in Tränen aus.
Wieso? Wieso muss ich jetzt gehen? Für 3 Monate hatte ich mich beworben, doch nur 6 habe ich bekommen. Ich kenne meine zwei Patzer in Assessment Center ganz genau und hätte ebenso entschieden, wenn ich an der Stelle der Pall Mall Verantwortlichen gewesen wäre. Doch das tröstet mich wenig. Die Wut auf mich selbst, die ich deswegen habe, beschäftigt mich jeden Tag seitdem ich in New York bin. Mit nur wenigen habe ich darüber gesprochen, ich wollte keine schlechte Stimmung verbreiten. Im Abschlussseminar habe ich auch angesprochen, dass es nicht nur für mich eine sehr belastende Situation sei, jetzt zu fliegen. Auch den 3 Monatskanidaten fällt es schwer damit umzugehen. Besonders die letzten Tage wären für alle hier problematisch gewesen. Die Gruppendynamik leidet nicht nur am Trennungstag darunter, sondern sowohl davor und als auch danach. Extreme Situationen habe man gemeinsam durchgestanden und Freundschaften haben sich entwickelt, warum könne man das nicht anders lösen? Zum Beispiel einen gemeinsamen Zeitraum oder zeitversetzte Reisezeiten? Annika meint nur kurz, man wolle auch Berufstätigen die Chance geben, das Angebot zu nutzen und bei getrennten Gruppen hätte ich die anderen 11 tollen Leute nicht kennengelernt. Soso, ich bin also nicht die Erste, die dieses Problem anspricht.
Doch nicht nur meine Wut treibt mir die Tränen in die Augen, auch die Fassungslosigkeit. Ich kann noch immer nicht begreifen was hier passiert ist. Das ausgerechnet ich als eine von über 2000 Bewerbern hier sein darf und all das bis ins kleinste Detail, bis unter die Haut erleben kann, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Warum ich? Sonst so eloquent finde ich für meine Dankbarkeit keine Worte.
Zitternd packe ich das Geschenk in meine Tasche und gehe mit ihnen zum Taxi. Der Fahrer stellt die Taschen in den Kofferraum, bevor der gefürchtete Augenblick kommt: Abschied nehmen. Es fühlt sich an, als würde man als achtjähriges Kind in eine neue Stadt umziehen, in der man keinen kennt. Das Nachbarskind hätte einen zum Geburtstag eingeladen und dort bestaunt man nun all die tollen Spielsachen der anderen Kinder, sogar einen Pool haben die. Wow, macht das einen Spaß, die Tortenschlacht und das Topfschlagen. Was? Wir müssen jetzt gehen? Aber gleich kommt doch noch der Clown und im Pool wollte ich mit den Anderen auch baden... Keine Chance!
Scheidungs- und Umzugskinder wissen wovon ich rede.
Alle fallen sich in die Arme, Tränen werden vergossen und Treueschwüre geleistet. Besonders bei Johanna, Helen, Boris, Hans und Daniel gibt es für mich kein Halten mehr.
Da draußen stehen sie nun, während der Motor anspringt. Ein letztes Mal winken, dann sind sie weg - oder eher wir, je nachdem. Später erzählen mir einige Dagebliebene, wie merkwürdig die darauffolgenden Minuten waren. Sie hätten auf einmal ganz alleine dagestanden, minutenlang, am Straßenrand, keiner wusste so recht was zu sagen. Auf der Dachterasse haben sie dann auf uns angestoßen, mit dem restlichen Bier vom Vorabend und traurig waren sie - so wie wir.
Im Taxi sitze ich apathisch hinter dem Fahrer und starre auf die Straßen von Harlem. Sehe, wie die Straßenverkäufer versuchen, ihr täglich Brot zu verdienen, Frauen Einkaufstaschen nach Hause tragen und Männer zwischen den wartenden Autos umherspringen um Wasserflaschen zu verkaufen. Alles so wie immer. Annika dreht sich mehrere Male zu mir um, doch sehen tut sie wenig, ich verstecke mich hinter meiner Sonnenbrille. Ich spreche kaum ein Wort während der 40 minütigen Fahrt und die anderen unterhalten sich darüber, was sie morgen von Mutti gekocht bekommen. Für mich gerade völlig absurd. Am Flughafen checken wir ein und sammeln uns nach und nach im Wartebereich, bevor's durch die Sicherheitskontrolle geht. Ich kann nicht mehr, muss hier raus. Draußen bettel ich eine Frau nach einer Zigarette an. Mit russischem Akzent meint sie nur: "Yes of course, I understand". Ich setze mich auf den Bordstein in die Sonne, der New Yorker Wind weht mir den Pony ins Gesicht und verdeckt mir die Sicht auf mein Spiegelbild in der Tür des parkenden Taxis, während heiße Tränen meine Wangen hinunter stürzen. Alle haben Mitleid mit mir, versuchen mich aufzubauen: "Mensch, bald bist du bestimmt wieder hier und die anderen sehen wir doch auch im November zum Nachtreffen wieder". Wenn man es so betrachtet, lässt es sich tatsächlich leicht verkraften. Nicht aber für mich. Mir fehlen die Worte um mich zu erklären, also lass ich's und quäl mir ein Lächeln heraus. Ich weiß, es ist lieb gemeint und es beruhigt mich, diese herzlichen Menschen um mich zu haben.
Nach dem Sicherheitscheck gehts in den Duty Free um Zigaretten für die Familie zu kaufen, dann an den Terminal. Eine letzte SMS an Johanna und ein letztes Gespräch mit Hans, denen gings auch nicht besser da oben auf der Dachterasse. Im Flugzeug sitzen wir alle nah beieinander, fast in der gleichen Konstellation wie auf dem Hinflug. Kristin fragt mich nach dem Geschenk von Helen und Johanna. Ach ja, jetzt darf ich endlich. Eine Postkarte haben sie mir beschrieben und ich kanns gerade noch so lesen mit meinem verschwommenen Blick. Als ich dann die Plastikfolie auspacke und die goldene Halskette mit dem Anhänger durchscheinen sehe, bricht erneut alles aus mir heraus. Als ich mit Helen in Chinatown unterwegs war, auf der Suche nach Schuhen und Handtasche, waren wir ein einem Geschäft, in dem es ziemlich witzigen Schmuck gab. Unter anderem die Ghettoblaster Ohrringe, die Helen auf einem der oberen Bilder trägt und eben diese eine Kette mit der goldenen kleinen Schere, deren Schneideblätter mit kleine Glitzersteinen besetzt ist. Ich fand sie süß, weil ich als Schneiderin auf sowas stehe und vorallem weil sie mich an meine Großmutter erinnerte. Die war genau das was ich heute bin, nämlich Schneiderin und Modellmacherin, leider starb sie zu früh - sie hatt es nie erfahren können. Helen und Johanna, ihr habt keine Ahnung wieviel mir das Geschenk bedeutet. Danke! Der Flieger hebt ab, mein Kopf fällt mir tränenerfüllt auf die Brust. Auf Wiedersehen Amerika.
Kaum sind wir in der Luft, fange ich an zu schreiben - unaufhörlich - 5 Stunden. Bis Mittwoch komme ich als wir wieder landen, 2 Stunden Schlaf liegen dazwischen. Am Flughafen geht alles ziemlich fix. Vom Flugzeug fallen wir in den Gepäckausgaberaum und sammeln unser Zeug vom Band. Die gefürchtete Zollkontrolle gibt es nicht. Mit Basti, Pawel und Petrus habe ich mir dessen Sporttasche geteilt um die gekauften Sachen zu transportieren. Von Verwandten noch keine Spur. Kein Wunder, wir sind eine Stunde zu früh dran. Bleibt wenigstens noch Zeit die letzten gemeinsamen Minuten in Ruhe zu verbringen. Dann trudeln sie nach und nach ein. Auch Sonja von der Pall Mall Foundation kommt um uns zu begrüßen und auszuquetschen wie's uns geht. Ich halte mich im Hintergrund bis endlich meine Mutti kommt. Zuerst falle ich meinem Freund um den Hals dann wird die Schulter meiner Mutter geflutet. Nun heißt es nochmal Abschied nehmen. Ich weiß, bald sehen wir uns wieder ;o) Das wird bestimmt irre.
Ich fühl mich total am Ende und sehe auch danach aus. Außerdem rieche ich bestimmt so. Es ist einer dieser Tage an dem eine Frau bewusst keine Wimperntusche aufträgt und es war auch gut so, die würde mir jetzt nämlich bereits unter dem Kinn hängen.
In Berlin setzen wir uns zu dritt in ein Straßencafe und mit dem Laptop rekonstruiere ich anhand der Bilder meine letzten Tage. Meine Uhr habe ich zwar schon im Flieger umgestellt, doch der erste Gedanke bei jedem Blick nach der Zeit geht 6 Stunden zurück und an den Ort wo man gerade sein würde, wenn man noch da wäre. Das bin ich auch noch immer... im Geiste jedenfalls. Der Schmerz ist bitter, vorallem als ich das erste Mal mein Telefonbuch öffne und die amerikanischen Nummern der anderen Teilnehmer angezeigt werden.
Wir machen uns auf den Weg nach Thüringen in meine Heimatstadt Erfurt. Zum Glück kann ich im Auto endlich ein wenig schlafen, von den zahlreichen Staus bekomme ich kaum was mit. Über 5 Stunden brauchen wir für eine Strecke von 300 km. Später erklärt mir jemand, dass viele vom Melt Festival an diesem Sonntag nach Hause gefahren sind. Das erklärt zudem noch warum ich soviel jugendliche, thüringer Partymeute an uns hab vorbeirauschen sehen. Zuhause wird erstmal von Mutti gekocht - Bohneneintopf - yeah! Währenddessen dusche ich genüsslich und checke danach meine mails. Da stehen mir schon wieder die Tränen in den Augen. Ich vermisse euch auch!
25 Stunden geht dieser Tag mit seinen Up's und Down's nun schon, aber wer mich kennt weiß das ich jetzt nicht schlafen gehe. Rastlos wie ich bin, fange ich an zu schreiben. Ja, allen Ernstes ;o)! Mutter und Freund hatte ich schon darauf vorbereitet. Irgendwann fragt sie dann, wann wir ins Bett wollen, ups... ist ja schon 23.30 Uhr. Na, der Eintrag für Montag ist gleich fertig, dann können wir. Wenn ich ehrlich bin, hat mich nicht nur meine Schreibwut solange wachgehalten, sondern auch die Angst vor den Gedanken beim an die Decke starren. Da ich mich beim Schreiben auf Dinge wie Chinatown, Paparazzi, Hot Dog's und meine mangelhafte Rechtschreibung konzentrieren konnte, blieb mir der große Gefühlsausbruch bis jetzt erspart. Doch irgendwann muss ich ja nun mal. Die 38ste Stunde ist angebrochen als ich mit dem ersten Fuß im Bett stehe und in einen komatösen Zustand verfalle. 1.47 Uhr - gut so!

5 Kommentare:

  1. Du bist soooooo toll Maxi, deine Worte drücken es genau richtig aus! Wir vermissen dich so sehr hier! Johanna

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  2. Ehrlich gesagt .. ich schaue immer noch jeden Morgen nach, ob Du etwas Neues geschrieben hast ... trotz dass Du wieder in Deutschland bist ... vielleicht fällt Dir ja bei der Recherche Deiner unzähligen Fotos noch diese und jene funny story ein :=))

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  3. Wir schauen immer noch jeden Tag,ob vielleicht doch noch neue, tolle Erfahrungsberichte von Dir zu lesen sind.Schade,schade wir sind so traurig, keinen Deiner spannenden,tollen Blogs mehr lesen zu können.
    Du solltest wirklich ein Buch über Deine Zeit in NYC schreiben,wie es Deine Mutter schon vorgeschlagen hat.

    Bernhard u.Martina

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  5. Hallo ihr Lieben,
    um ehrlich zu sein, mir fehlt das bloggen auch, aber mittlerweile sind meine Tage bei weitem nicht mehr so spannend wie in NYC. Es wird einen letzten Eintrag geben, noch in der kommenden Woche.
    Bis dahin,
    Mäxi

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