Bewerbung konnte man entweder 6 Wochen oder 3 Monate ankreuzen, oder wurde nachträglich einsortiert.
Ich stehe mit Einigen schon etwas eher auf, da gibt es noch etwas vorzubereiten, aber dazu später mehr. Auf dem Weg zu CDS nutze ich die Zeit um den Straßenalltag in Bildern festzuhalten. Vor einem Deli fallen mir Bauarbeiter auf, die ihre Mittagspause im Schatten verbringen. Nach diesem Foto, hab ich plötzlich ganz viele Freunde. Heute trage ich nämlich mein Stewardessen Outfit mit meinem neuen Matrosenhut, haha.
Dann fangen wir an, jeder soll erzählen, wie es ihm ergangen ist, was er gelernt hat und überhaupt. Wow, wo soll man da bloß anfangen? Vorallem die Storys der anderen von ihren Arbeitsplätzen sind interessant, einige lustig - manche krass. Ich bin dran: ein ganz großes Dankeschön auch von mir. Ich erzähle davon, wie mir die ersten zwei Wochen sehr zugesetzt haben, ich die Extreme so schlecht aufnehmen konnte: der Spaßfaktor und das Leid, die Reichhaltigkeit an Angeboten und die Armut, die Schöhnheit der Augenblicke und der klaffende Verfall, die Sonne und die tropischen Regenfälle,... doch nachdem ich mich dran gewöhnt hatte, sei NYC zu einem lebensveränderndem Erlebniss geworden.
Dann sage ich, dass es extrem schwierig für mich sei ein Resumé zu ziehen, denn für mich hat New York aufgehört eine Stadt zu sein, sie ist zu einem Prozess geworden. Übrigens habe ich am Dienstag aufgehört zu rauchen.
Kathrin ist dran, als plötzlich mein Handy leuchtet. SMS von Pawel? Der sitzt mir doch gegenüber. Heimlich zieh ich das Handy vom Tisch. "Man kann deinen BH sehen. sorry" Ich muss beinahe losprusten vor Lachen, hab Mühe mich zusammenzureißen. Ach Pawlowitsch, du bist schon ne Granate!
Nachdem jeder geschildert hat was ihm widerfahren war, kommen wir ins Gespräch über die Listen, die wir zum Einführungsseminar erarbeitet hatten. In Gruppen sollten wir typische Vorurteile gegenüber Amerikanern notieren, nun sollen wir sagen was davon sich bestätigt hat. Ich bin etwas erschrocken während Einige erzählen Amerikaner seien schon oberflächlich. Das "How are you?" beispielsweise würden sie einfach nur so sagen, aber die Antwort würde keinen interessieren. Da muss ich widersprechen. Deren "How are you?" könne man nicht mit unserem "Wie geht es dir?" übersetzen, sondern es ist Teil der Grußformel und somit feststehende Redewendung. Gerade das finde ich total liebenswert und von Oberflächlichkeit kann hier gar keine Rede sein. Da könnten wir Deutschen uns mal ne Scheibe von abschneiden. Auch bei der Behauptung Amerikaner wüssten fast gar nichts über Deutschland kann ich nicht zustimmen. Wenn man sich mal überlegt wie oft Europa (und damit meine ich das Europa was unsere Generation aus der achten Klasse kennt) in die USA passt, dann wäre es doch enorm wieviel die New Yorker über unser Heimatland wüssten. Viele waren sogar schon da! Klar vielleicht nur in Berlin, aber sie kennen Namen wie Stuttgart, Goethe und Merkel und können Sachen sagen wie: "Oh, thats geradey aus änd lienks.", "Auf Wiedersehen" und "Guten Tag". Einer hat mich sogar schon mal gefragt ob ich aus West- oder Ostdeutschland käme (und nur so unter uns: Deutschland passt knapp 27 Mal in die USA)!
Nach dem Seminar mache ich mich gleich auf den Weg ins I-House. Koffer packen und vorschlafen für heute Abend. Da lassen wirs nämlich krachen und damit dem Vergnügen zeitlich keine Grenze gesetzt sein soll, will ich schon mal alles in Sack und Tüten haben.
Hier ein paar Eindrücke aus unserer Hood = Morningside Heights:
das Endorphin und Dopamin, die meine Füße bis in den nächsten Morgen tragen, der erste Sonnenstrahl, Vogelgezwitscher, bedeutungsschwere Afterhour – Philosophie,... Das sind meine Drogen, der Rest ist Wasser und das bekomm ich in NYC sogar kostenlos ausgeschenkt!
Endlich, die anderen gehen los, dann schaff ichs gerade noch so Erica vor der Webster Hall zu treffen, dort zwei Stündchen die Sau rausgelassen und dann mit dem Taxi zu den Anderen ins Meatpacking District gedüsen. Aber Moment, Daniel hat sich schon wieder ausgeschlossen. Die komplette Truppe steht vor dem I-House während er drinnen auf den Mann mit dem Generalschlüssel wartet. Or nee, ne? Nicht an meinem letzten Abend, sorry Leute ich muss los. Das ist mir tierisch unangenehm aber meine Sucht treibt mich.
In der Sauna der 96th warte ich ewig auf den Expresstrain um zur 14th zu kommen. Von dort gehts weiter mit dem L-Train zur 3rd Avenue. Ich bin ziemlich spät dran und wie ich mein Handy zücke um Erica anzurufen läuft die auch schon neben mir. Hey wie geil, sie hat noch Ariel und zwei andere Freunde im Schlepptau. Gemeinsam laufen wir im Eiltempo zum Club, da steht auch schon ne Mega Schlange. Wir laufen daran vorbei und kriegen an der Kasse fast nen Herzinfarkt. Erica for free, die anderen reduzierten Eintritt bitte, ergo 20$ pro Nase. Was machen wir denn jetzt? Ein befreundeter Promoter kann uns noch zwei Freetickets zustecken, dann machts für jeden 10$. Wir sind alle total aufgeregt, Erica schiebt mich fast durch den Club vor zur Bühne auf dem Mainfloor. Normaler Weise brauch ich ja erstmal meine Zeit um mich mit der Umgebung anzufreunden, aber da drinnen brennt die Luft, ich muss sofort wieder auf die Bühne. Wenn der Securitymann da oben wegguckt gehts los. Und los! Da oben am Bühnenrand mit dem Blick auf diese einmalige Location und die tobende Masse lässt alles vergessen. Mein Puls schlägt mir bis zum Hals und ich lege los. Eine Stunden später hängen mir die triefnassen Haarsträhnen im Gesicht und mein Grinsen reicht bis zu den Ohrläppchen. Mehrere Leute kommen wieder auf mich zu und sagen coole Sachen zu mir. Ein Britte meint dann sogar er hätte sich schon denken können, dass ich nicht amerikanisch bin: "Those fucking Americans can't dance! But you rock". Es ist einfach krass und ich kann nicht aufhören, obwohl ich manchmal die anderen Teilnehmer vor mir sehe. Man ey... der letzte Abend und du bist nicht dabei... schon mies... aber das hier ist der Oberkracher... wenn die nur auch hier wären... aber denen gefällt das halt hier nicht so... ob die das verstehen? Hm, bisher hat meine Sucht keiner nachvollziehen können, außer meiner Michi. Die meißten verstehen nie warum wir sauer werden, wenn man zum Beispiel ne gute Party vor Ende verlassen will, oder gar nicht erst hingeht und stattdessen zu Hause auf der Couch chillt. Sowas geht für uns nicht, wir werden dann zappelig, ungeduldig und bekommen schlechte Laune.
... man, solltest du mal anrufen?... ja komm! Draußen telefoniere ich mit Einigen und kanns kaum fassen. Die Hälfte ist schon heimgefahren, dabei ist erst kurz nach 3 Uhr. Die anderen wollen noch ein wenig bleiben, aber so cool scheints nicht zu sein. Kommt doch mit mir, ich geh dann noch auf eine Afterhour Party in einem Loft in der Lower East Side. Hm, naja eigentlich wollten wir dann heim und... waaaas? Etwas unsanft fahre ich Boris an, was das soll. Der letzte Abend für uns, wieso macht ihr alle schlapp? Da kommt es wieder durch: ich werde leicht sauer, wie peinlich. Na er meldet sich dann nochmal. Erica und die anderen finde ich im unteren Floor wieder zwischen den Resten einer Gay Party. Alle sind total ausgelassen und tanzen zu All Time Favourites wie Madonna und Bryan Adams. Ein knuffiger Chinese spricht mich wieder auf meine knappen weiß-rot gestreiften Shorts und die goldene Bauchtasche an. Schon auf der Toilette ist mir kurz vorher etwas ähnliches mit einer Asiatin passiert. Im Augenwinkel konnte ich beobachten wie sie an mir hoch und runter schaut und dann sagt: Or, du bist sooo süüüß. Ich danke ihr für das Kompliment da sagt sie nochmal wie süß ich bin und umarmt mich dabei. Verrückt diese Stadt, verrückt!
Der Chinese und ich unterhalten uns beim Tanzen, dabei erzählt er mir, dass er bald nach München kommt. Gibt es denn da auch solche Partys? Hm, keine Ahnung, aber ich habe Freunde da, gib mir Mal deine e-mail Adresse. Ich reiche ihm mein Handy und er brauch nur noch eintippen. Nach 2 Buchstaben hört er auf und meint etwas verschämt: Ey, es ist echt peinlich, aber ich weiß nicht wie man das Ding bedient und lacht daraufhin lauthals los. Als wir uns halbwegs wieder eingekriegt haben, sage ich: "Weißt du was, dafür weiß ich nicht wie man ein I-Phone bedient." "Whaaaaaaaaaaaaaaaaaat???" Wir knicken fast ein vor Lachen. "Du bist so lustig" sagt er und gibt mir ein Küsschen auf die Wange. Schwule dürfen das. Aber es gibt auch die Negativbeispiele. Einer auf irrsinnigen High Heels und Hot Pants stöckelt übers Parkett und unterhällt die Meute mit bizarren Tanzeinlagen. Das Blut, was aus seinem rechten Nasenloch gelaufen war, ist schon eingetrocknet. Bei sowas stockt mir immer der Atem.
Das wars, aus die Maus, das Licht geht an, die Security schmeißt uns raus. Mit den anderen schlender ich die Straße hinab und telefoniere dabei wieder mit anderen Pall Mallern. Der Rest hat sich nun auch auf den Heimweg gemacht. An der Ecke steht ein indisches Pärchen in wunderschöner traditioneller Bekleidung mit viel Schmuck umringt von Freunden. Frisch verheiratet sind sie, haben beide 'ne Kippe im Mund und er ein Bier in der Hand.
Nun muss ich eine Entscheidung treffen, After Hour Club in der coolen Lower East Side oder die letzten Stunden mit den neuen Freunden im I-House verbringen... Komm Maxi, fahr heim! An der 96th stehen plötzlich Johanna, Daniel, Helen und Pawel vor meinem Waggon. Hey wie witzig... Gemeinsam laufen wir das letzte Mal in Begleitung der morgentlichen Sonne nach Hause, vorbei an dem Securitymann, der nachts unser Viertel bewacht. Alle sind schon müde, nur Helen setzt sich mit mir noch auf den C-Floor um die letzten Bilder zu tauschen. Daniel kommt nochmal kurz vorbei um witzig wirres Zeug von sich zu geben und dieses Bild zu machen.
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