Montag, 3. August 2009

Liebe Maxi

2 Wochen sind vergangen und viele Gedanken durch meinen Kopf gezogen. Genauso erging es
einer Teilnehmerin, die noch immer in
New York ist. Von ihr erhielt ich nach meiner Abreise eine mail:


Liebe Maxi,
ich sitze im Buero und mir kullern die Traenen. Gott sei Dank bin ich in diesem Cubicle versteckt.

Habe Deinen Blog gelesen und die Gefuehle, die Du beschreibst haben sich auf mich uebertragen.

Wir hatten nicht viel miteinander zu tun, aber Du wirst mir trotzdem sehr fehlen. Du hast diese 6 Wochen so intensiv gelebt, so aufgesaugt, alles beobachtet und minuzioes beschrieben. Ich beneide Dich um Deine Gefuehlsstaerke, Deine Emotion und Deine Euphorie. Mich ueberfordert hier alles, auch wenn ich es nie erwartet haette. Ich wuerde es auch gerne schaffen, die Dinge so zu sehen wie Du und zu Papier zu bringen.

Fuer Deinen Neuanfang schicke ich Dir viel Energie. Ich glaube an Dich, weil jemand mit soviel Kraft und Leidenschaft wird den besonderen Platz finden, den er verdient!

Es ist nie zu spaet, hab ich mir gedacht, deswegen schreib ich Dir heute diese Mail. Weil eigentlich wollte ich Dir diese Sachen hier in New York sagen, aber es hat sich nicht ergeben.

Alles Liebe,
Fiona


Hallo Fiona,

ich danke Dir. Ich danke Dir ganz herzlich. Es ist genau diese Sorte mail, die mir Kraft gibt auch wenn sie mir die Tränen in die Augen treibt. Denn das auszudrücken was andere denken, verleiht einem die Sicherheit nicht allein zu sein. Und das war ich nie, Dank der vielen lieben mails, die mich nicht nur in den letzten Tagen erreicht haben.

Umso mehr bestürzt mich der Fakt, dass Dich etwas überfordert. Ich hatte nie den Eindruck, dass es Dir an selbiger Gefühlsstärke und Euphorie mangeln würde. Geht es um generelle Dinge oder die Spaltung der Gruppe? Ich gebe dir den guten Rat wenigstens irgendwas davon zu Papier zu bringen, selbst wenn es aus einer anderen Perspektive denn der meinen ist. Ich habe mich in den letzten zwei Tagen wieder aufrappeln können, aber gewiss nur deswegen, weil ich alles raus gelassen habe. Ein Sprichwort besagt:
Nur Dinge, die man in Worte gefasst,
kann man hinter sich lassen.

Und wenn das nicht so recht funktionieren will, dann such Dir ein anderes Medium. Denn wenn wir uns bei einem ganz sicher sein können dann, dass NYC nicht spurlos an einem vorbeigeht. Das, was es mit einem macht, muss raus. Ob es nun schön, lustig, interessant oder nach nichts von alledem klingt.

Ich habe Dich immer für Deinen perfekten Stil und Deine unheimlich sympathische Ausstrahlung bewundert. Kenne ich doch aus der Modebranche genügend Beispiele, bei denen sich diese zwei Eigenschaften gegenseitig ausschließen. Ich wollte Dir das eigentlich auch immer sagen, aber wie Du schon meintest, die 6 Wochen waren leider viel zu kurz um auch solche Gespräche führen zu können - Schade.

Ich hoffe, ich kann Dir in irgendeiner Weise helfen die Dinge so zu sehen, sodass auch für dich die Sonne über dem Big Apple scheint. Lass es mich wissen.

Liebste Grüße,
Maxi

Liebe Maxi,
Deine Mail ist angekommen, ich wollte aber nicht einfach irgendwie mal schnell was runtertippen, sondern mir Zeit nehmen.
Danke für Deine lieben Worte, wieder mal hat mich mein Cubicle gerettet, um die Rührung vor Kollegen zu verbergen.
Ich sitze grad im Zimmer, ja es ist Samstagnachmittag und ich bin platt. Brauch eine Pause, aber auch das muss sein. Wir hatten heute vormittag das social Seminar. Von Essen ausgeben leider keine Spur, wir haben im Großangriff die Küche geschrubbt und alles was uns in die Hände kam desinfiziert. Du kannst Dir vorstellen, dass wir alle ein wenig enttäuscht waren, weil es keinen Kontakt zu Leuten gab, sondern nur zu großen, verrosteten Teflonpfannen. Aber gut, wir haben geholfen und es was mehr als notwendig da mal drüberzugehen.
Dank Deines Blogs und Deiner lieben Worte hab ich jetzt begonnen, mehr meiner Gedanken niederzuschreiben, denn Du hast Recht, es muss raus. Mein Problem war, dass ich mein Leben lang drauf gewartet habe, hierher zu kommen und mein Gefühl ist leider nicht entsprechend mitgekommen, als ich dann endlich da war. Ist auch egal, ich bin hier und werde es wahrscheinlich erst richtig realisieren, wenn ich wieder zu Hause bin.
Du bist ein sehr interessanter Mensch, finde ich. Nach außen eine ausgeflippte, lustige Fashionista und innen steckt so ein tiefgründiger, sensibler Mensch mit einem so guten Auge für spezielle Momente. Die Tatsache, dass wir uns so wenig unterhalten haben, tut mir mehr und mehr leid. Aber andererseits ist es schön, trotz allem jetzt so lieben Emailkontakt zu pflegen!
Für Deine Bewerbungen in Berlin drück ich Dir alle verfügbaren Daumen. Du passt perfekt nach Berlin und die werden Dich dort lieben! Sollte irgendwer auch nur ansatzweise zweifeln kannste immer sagen: Leute, ich hab Nicolas Cage angezogen, for crying out loud. Wer von Euch kann das von sich behaupten?! ;)
Sei lieb umarmt Maxi und danke!
bis bald,
Fiona

Hallo Fiona,

weißt Du, es erging mir ähnlich. Hatte ich doch so große Erwartungen an NYC und dann kam das. Irgendwie fehlen mir noch immer die Worte dieses Erlebnis zu beschreiben, aber es war sicher nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Teilweise hat es mich wirklich erschlagen. Beinahe täglich hatte ich diese Momente, in denen man kurz in sich hinein horcht und versucht zu begreifen, was einem da gerade widerfährt. Allerdings kam ich nie an den Punkt, sagen zu können: Ja, so fühlt es sich an in New York zu sein. Es war mehr ein: Mann, unglaublich... ich bin hier, aber... ich kann’s nicht in Worte fassen... bin ich wirklich hier? Bisher blieb auch der Gedanke aus, dass ich mal dort war. Zu sehr bin ich damit beschäftigt die Nachwehen zu nutzen und das nächst unglaublichere Ziel anzustreben. Die Stadt hat mir unheimlich viel Eifer verliehen, endlich meine Zweifel abzulegen und anzufangen. Deswegen bin ich auch nicht traurig wieder in Deutschland zu sein. Es ist eher so, wie ich es schon im Seminar gesagt habe. New York ist keine Stadt mehr für mich, sie ist ein Prozess der seitdem unaufhörlich in mir arbeitet. Ich vermisse diesen Ort also nicht und er ist auch keine Vergangenheit, sondern präsenter denn je. Gewissermaßen lebe ich New York und die Veränderungen haben schon begonnen. Meine Wohnung habe ich gekündigt und meine Beziehung beendet. […] Ich vermute, dass ich nicht die Einzige sein werde, die ihren Lebensspielraum neu absteckt. Ich denke sogar - und das ist eine heikle Behauptung, ich weiß - das alle, die nichts an ihrem Leben ändern, niemals wirklich in dieser Stadt gelebt haben. Eines ist mir dort ganz deutlich geworden: Amerika ist nicht etwa das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, weil man mehr erreichen könnte, sondern weil man sich weniger Grenzen setzt.

Das mit dem Social Seminar ist wirklich schade. Anfangs war ich traurig, dass die 6 weekers nicht mehr teilnehmen konnten, deswegen kann ich verstehen wie enttäuscht ihr gewesen sein müsst. Aber Du hast Recht, das Gefühl geholfen zu haben ist es alle mal wert, Töpfe zu schrubben.

[…]

Was konntest Du bis jetzt mitnehmen und freust Du dich schon auf die Heimat?

Liebe Grüße auf die andere Seite des Planeten,
Maxi

PS: Sag mal, würde es Dich stören wenn ich Auszüge aus unserem e-mail Verkehr für meinen letzten Blog Eintrag verwenden würde? Ich ändere natürlich Namen und Hinweise auf Person und Herkunft. Ich finde unsere Texte nämlich sehr schön, weil sie die Gedanken zweier Menschen schildern, die das alles erleben durften. Es muss Dir nicht unangenehm sein, falls Du es nicht möchtest. Kann Dir auch vorher schicken, was ich veröffentlichen würde.

Liebe Maxi,
das Wort Lebensspielraum finde ich sehr interessant gewählt, es bringt das in New York entdeckte und erweckte Gefühl auf den Punkt. Für mich zeigt sich Lebensspielraum oft, wenn man sein Leben mit dem von anderen vergleicht. Ich hatte in New York eine Begegnung mit einem Kreativ-Pärchen, sie so alt wie ich, er 30, gemeinsam sind die beiden 12 Cannes Löwen schwer. Das hat mich aus der Bahn geworfen und meine ganze Realität wieder ins Lot gerückt. Obwohl Lot, das ist vielleicht falsch.
Zu sehen, was man schaffen kann, hat mir gezeigt, dass ich in […] in den 2 Jahren die ich nun dort lebe, in ein gemütliches Nest aus Gewohnheiten und Bequemlichkeit gesunken bin. Umgeben von Menschen die ich schätze und die Nutella für die Seele sind, aber eben nicht Menschen, die mich inspirieren das Maximum aus mir rauszuholen. Das Treffen mit den zwei Kreativgöttern hat mich stark zum Nachdenken gebracht. Was will ich erreichen? Wo stehe ich und wo will ich hin? Bin ich zufrieden mit dem was ich tue oder stehe ich seit geraumer Zeit einfach still und harre den Geschehnissen.
Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich mein Leben ausnütze, so wie ich es sollte. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass ich es eigentlich tue, bis auf ein paar Bereiche. Etwas das mich mein Leben lang begleitet, ist der Wunsch ein Buch zu schreiben. Es mangelt mir mehr an Mut als an Ideen und somit schiebe ich dieses Projekt aus der blanken Angst zu versagen seit fast schon Dekaden vor mir her.
In New York ist der Moment gekommen, wo ich so stark gespürt habe, dass ich diesen Traum oder fast diesen Trieb verwirklichen muss.
Deswegen kann ich gut nachvollziehen, was Du mit Prozess meinst. Es geht weniger um die Tatsache in New York zu sein, als einfach in einer neuen Situation in einer neuen Stadt, Gedanken zuzulassen, die sonst im Sumpf aus Gewohnheit und Lethargie dahin köcheln. Und ich glaube, das ist genau diese Magie, von der die Leute immer sprechen, wenn sie sagen, dass in New York alles möglich ist.
Freue ich mich auf zu Hause? Sehr sogar, denn dort ist mein Leben. Mein Leben ist nicht in New York. Das spüre ich sehr stark. Ich bin sehr glücklich diese Stadt nicht aus Touristenaugen für 3 Tage kennen gelernt zu haben und dankbar, dass ich 3 Monate lang eintauchen durfte, in etwas, das ich vorher so noch nicht gesehen habe. […]
Ich bewundere Dich für Deine Konsequenz und die Energie, die Du geschafft hast mit nach Hause zu transportieren. Dein neues Leben beginnt und Du bist mitten drin. Ich glaube darum ging es bei diesem Programm - einen neuen Blick auf sich und das Gewohnte zu bekommen, um quasi aus der Ferne zu beurteilen, ob man mit dem, was man bis jetzt als gut erachtet hat, wirklich zufrieden ist.
So ist es zumindest bei mir, selbst wenn ich noch nicht weiss, wie ich die Erkenntnisse kanalisieren kann und werde. Aber das ist ein Prozess und Prozesse brauchen Zeit. Einen Skizzenblock für mein Manuskript habe ich mir hier bereits gekauft, das erste Wort steht noch nicht drin. Das ist immer das schwierigste. Aber es geht um den ersten Schritt, das Ausbrechen aus dem selbst auferlegten Muster.
Du kannst gerne das Geschriebene als Teil Deines Blogs verwenden, ich fühle mich geehrt und keineswegs entblößt.
ich umarme Dich und danke Dir für die Energie, die Du in mir erzeugst, die mich auch diese Zeilen schreiben lässt.
Fiona

Ach Fiona,

das Vergnügen ist ganz meinerseits. Denn nun, da meine Wochen nicht halb so interessant sind wie ein Tag in NYC, fühle ich mich meiner Muse beraubt. Gedanken habe ich allerdings noch genug, die hier jetzt ihren Platz finden und da fühlen sie sich wohl.

Das Treffen mit diesem Pärchen kann ich nur allzu gut nachempfinden. Es sind diese Menschen, die einem den Spiegel vorhalten, in dem man sich kaum wieder erkennt, nicht wahr? Wie Du schon sagst, die Gemütlichkeit definiert das eigene Leben ganz anders, als man es manchmal wahrnimmt. Ich glaube, du meinst, es hat deiner Realität einen neuen Horizont gegeben. Meiner jedenfalls hat sich um ein Vielfaches verbreitert. Nicht nur wegen der Eindrücke sondern auch der Entfernung. Manchmal muss man einen Schritt zurück machen um genauer hinsehen zu können. Ich sehe Dinge nun klarer und auch viel gelassener. Das Ziel war zwar immer da, aber der Weg dahin schien zu unsicher. Jetzt weiß ich, dass es mehrere gibt und mindestens einer davon wird immer funktionieren.

Ein Buch zu schreiben, steht auf jeden Fall auch noch auf meiner "Things to do in life" Liste. Allerdings wird sich das bei mir autobiografisch gestalten und daher noch ein paar Jahrzehnte dauern. Material sammel ich schon seit frühsten Kindertagen in Form von Tagebucheinträgen und Briefen, nun der Blog. Auf dieses Mamutprojekt freue ich mich schon, genauso wie auf einen Baum zu pflanzen, meine Tibetreise und Kinder zu bekommen.
Was wird es bei Dir werden? Vielleicht ein Roman? Wenn ich noch da wäre, würde ich Dir als Widmung in deine Skizzenblock hineinschreiben:

Nicht weil es schwer ist,
wagen wir es nicht;
sondern weil wir es nicht wagen,
ist es schwer.
Seneca


Eines meiner Lieblingszitate, weil es mich schmunzeln lässt angesichts meiner eigenen Versagensängste. Aber die gehören nun mal dazu und wenn man's genau nimmt, machen sie das Ziel erst begehrenswert. Also sind sie für mich eher der Zuckerguss als etwas durch und durch Negatives. Was gibt es Erbaulicheres als die eigene Hürde zu überwinden.

Ich habe in den letzten Tagen angefangen auszumisten für den bevorstehenden Umzug. Es ist unwahrscheinlich was sich bei mir in den letzten Jahren angehäuft hat. Ich bin leidenschaftlicher Sammler von Erinnerungsstücken und sei es nur der Kassenzettel aus dem Berliner Restaurant bei meiner ersten Love Parade, haha. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Unternehmung starte, doch dieses Mal bin ich rigoros. Materieller Besitz wird mir immer unwichtiger, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe keine Ahnung wie sich das weiterentwickelt, aber ich lass es einfach geschehen. Wahrscheinlich ist das einer dieser ersten Schritte. Für mich ist das gerade das Spannendste, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich den Weg zu mir finde. Seit Jahren verfolge ich das, aber in den letzten 2 Monaten haben sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Wahnsinn, dass Du noch da bist. Momentan ist der Gedanke an 3 Monate NYC zu viel. Also zu viel im Sinne von: Wow, doppelt so viel input. Ich glaube, die Ankunft in der Heimat wird für euch noch mal eine ganz andere Erfahrung als es die für uns war. Ich bin total gespannt wie es bei Dir wird, wie es weitergeht in […].

Vielleicht als nächsten Anstoß die Frage, was du in NYC zurücklässt.

Allerliebste Grüße,
Maxi

Mit diesen Zeilen beende ich den offiziellen Teil meines Blogs und danke allen ganz herzlich die mitgefiebert haben und vorallem den Kommentatoren - das hat gefetzt!

Mir bleibt kaum etwas hinzu zu fügen, denn was New York für mich war, erzählt in diesem Blog jedes einzelne meiner Worte und auch die dazwischen. Bevor ich zu nostalgisch werde, wünsche ich euch das Allerbeste.

In Liebe,
Mäxi

2 Kommentare:

  1. Hallo Maxi,
    in den letzten 3 Abenden habe ich deinen Blog über deine Zeit in NYC geradezu verschlungen. Es ist der reine Wahnsinn wenn man liest was Du aus deiner Zeit in NYC gemacht hast und wie eindrucksvoll du dies niedergeschrieben hast.
    Es ist schön das du einem nicht nur das Gefühl vermittelst das in NYC alles toll ist, sondern das es auch Schattenseiten gibt. Was es aber nur noch interessanter und begehrenswerter macht dies auch zu erleben.

    Ich danke dir für die Möglichkeit für das nachträgliche Miterleben deiner wunderbaren Zeit und dem Gefühl das es mehr gibt im Leben als das Hier und Jetzt und die Möglichkeit sich eine unvergessliche Zeit zu erkämpfen.

    Ich wünsche dir alles gute - du hast es dir verdient !

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Kristina,
    wow, danke Dir für deine tollen Worte. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass mich selbst jetzt noch, solche mails erreichen und um ehrlich zu sein, ich habe immer wieder Tränen in den Augen.
    Und ja, du hast recht, es ist der reine Wahnsinn was ich dort erleben durfte. Ich wünsche mir für jeden, dass er auch in den Genuss kommt auf so wundervolle Weise diese beeindruckende Metropole kennenzulernen. Wie Du schon sagtest, jeder hat die Chance. Mit dieser Erkenntnis wünsche ich Dir alles erdenklich Gute für Deine Zukunft und bedanke mich nochmal für Deinen lieben Kommentar.
    Mäxi

    AntwortenLöschen