Montag, gut hab ich geschlafen. Bin extra früher aufgestanden um Hektik zu vermeiden. Das ist auch gut so. Da der Strom in NYC eine andere...
Voltzahl hat läuft mein Fön nur auf halber Leistung und verlängert den Prozess des Haaretrocknens ums doppelte. Pünktlich komm ich trotzdem und das obwohl zu allem Übel die U-Bahn an einer Haltestelle nicht weiterfahren kann. Warum weiß ich nicht, sie steht halt einfach und so richtig interessiert das keinen um mich herum. Und: ja, die U-Bahnen sind zur rush hour tatsächlich krachend voll. Nicht alle können einsteigen und müssen auf die nächste Bahn warten. Egal, ich klopfe an die Tür des Ateliers, kurz darauf schalt mir ein "come in" entegegen. Ich öffne die schwere Tür und es eröffnet sich mir der Blick auf das was ich mir vorgestellt habe: alter Holzdielenboden, hohe Decke, Plakate von Film und Opern, Keramikmasken an der Wand, ein Wasserspender, Blumen, ... sanft schleiche ich den Geräuschen entgegen und da steht sie auch schon vor mir. Rosi ist kleiner als ich dachte. Sie lächelt mich an und begrüßt mich herzlich. Sie führt mich durchs Atelier und stellt mir ihre Helfer vor. Sie alle sitzen an Maschinen, die dicht an dicht an den hohen Produktionshallenfenstern stehen. 3 Frauen und ein Herr mittleren Alters denen ich alle die Hand schüttel. Die Namen kann ich mir nur schwer merken, weils sie alle samt Einwanderer sind. Die eine hat einen polnischen Akzent, die andere spricht viel spanisch und er ... schaut Indisch aus. Rosi führt mich durchs Atelier. Überall stehen Puppen zum Drapieren, große Tische in der Mitte, Stoffrollen überall, eine kleine Küche mit Theke... süß irgendwie. Es herscht dieses angenehme heimelige Chaos mit italienischem Flair. Rosi ist halb Italienerin und halb Jugoslawin. Man merkt schnell, dass sie ein starkes Temperament hat. Mehrere Male an diesem Tag wird sie durchs Atelier an ihren Blumen vorbeilaufen und lauthals rufen "Oh, those flowers are sooooo beautiful". Kurz nach mir kommt ein Designer dem sie 2 fertige Kostüme zeigen soll. Er reicht mir höchstens bis zum Kinn, ist eher einer der sanfteren Natur und sieht aus wie ein Geografielehrer in seinen zu großen Jeans, dem grauen Shirt und dem ausgewaschenem, offenen Hemd darüber. 50 wird er sein. Ich höre den beiden zu, da kommt noch ein etwas jüngerer Mann dazu. Ich weiß allerdings nicht was seine Funktion ist. Ich bin erstaunt wie viel ich tatsächlich verstehe. Mit der anderen Praktikantin, die eine Stunde nach mir kommt, soll ich Stoffe in einem großen Ordner katalogisieren. Jamie ist etwas kleiner als ich und trägt auch kurze blondierte Haare. Nettes Mädel denk ich und wir fangen an zu sortieren. Nachdem wir fertig sind sollen wir Kragen von Herrenhemden trennen, da kommen wir ins Gespräch. Sie hat selber 10 Jahre in Kaiserslautern gelebt in der Nähe einer Airbase. Beide Eltern arbeiten fürs amerikansiche Militär. Auf die Frage nach ihrem Deutsch kichert sie allerdings verlegen und sagt es wäre nicht so gut. In der amerikanischen Schule in Deutschland hätte man ihnen nicht so viel beigebracht. Fertig damit sollen wir essen holen gehen. Ich bin etwas unsicher und tappse Jamie mehr oder minder hinterher. Um die Ecke gehts zum Italiener und sie fragt mich was ich möchte. Wie bitte? Rosi bezahlt uns das Mittagessen? Jeden Tag? Wir dürfen aussuchen? Da fällt mir ein riesiger Stein vom Herzen, denn Essen ist in NYC unheimlich teuer. Nun verstehe ich auch warum viele Amerikaner Fast Food essen. Nicht etwa weil es so lecker wäre, sondern weil es das günstigste ist. In den letzten Tagen sah ich viele unheimlich dicke Menschen. Noch dicker als es einige schon in Deustchland sind und Jamie meint dazu nur: mach dich auf noch schlimmeres gefasst. Wir gehen wieder hoch und Rosi ist bereits dabei einen Salat vorzubereiten. Den hat sie frisch aus ihrem Garten mitgebracht - super. Beim Essen plaudern wir nett und danach soll mir Jamie die wichtigsten Geschäfte in der Umgebung zeigen. Der Stadtteil in dem wir uns befinden nennt sich Garment District, was so viel wie Bekleidungsbezirk bedeutet. Das wird ziemlich schnell ersichtlich: ein Stoffladen nach dem anderem, Knopfgeschäfte, Läden nur für Schaufenster und Modellpuppen, Näh- und Schnitterstellungs-services. Wer glaubt, dass das alles große Kaufhäuser mit bunten Auslagen und Fahrstuhlmusik sind, der irrt. Auch hier die Atmosphäre, die draußen auf der Straße herscht. Lagerhallenähnliche Zustände, alles aufeinander gestapelt, durcheinander oder manchmal sortiert, Abflussrohre verlaufen über einem ander Decke oder zwischen den Regalen, altes Inventar.... da viele Geschäfte von Asiaten oder Indern geführt werden, fühlt man sich teilweise wie auf einem türkischen Basar. 3 Inch Futterstoff wird per Augenmaß abgerollt und einfach abgerissen. Teilweise gibt es für spezielle Artikel wie nahtverdeckte Reißverschlüsse 5 Regalreihen, die alle so schmal sind, dass man nur einzeln rein passt. Für mich beklemmend, für die New Yorker normal. Hier ist es sowieso Gang und Gebe sich gegenseitig Platz zu machen. Das habe ich neulich schon in Supermarkt erlebt. Dort springen die Leute sofort zur Seite und sagen sogar noch Sorry beim Platzmachen.
Auf unserem Weg durch den District sind wir nur am Labern und stellen ziemlich viele Gemeinsamkeiten fest. Wir mögen beide weder H&M noch American Apparel, schauen heimlich Britney Spears Videos und verabscheuen Fast Food um nur einige zu nennen.
Gegen 4 kommen wir zurück ins Atelier. Dort steht Rosi und meint: Sorry Mädels, habe leider nichts mehr für euch. Ihr könnt gehen. Ich frage sie noch ob ich ein Foto machen kann, aber sie meint ob das bis morgen warten kann. Heute sehe sie kacke aus. Ich muss lachen und gehe heim.
Guter erster Tag. Ich gehe noch in den Supermarkt und finde zu meiner Überraschung Sauerkraut. Bestimmt koche ich mal für Rosi und die Belegschaft.
Beim geplanten Treffen aller Pall Mall Teilnehmer am Abend erzählen alle durcheinander und sind ganz aufgeregt. Die meisten sind begeistert und kommen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Für meine Story mit dem bezahlten Mittagessen wird mir mehrfach auf die Schulter geklopft ;o). Nur einer ist geknickt. Boris arbeitet in einer kleinen Agentur mit einer Handvoll Mitarbeitern - alle bis auf einen Deutsche. Selbst der Mann aus Guatemala kann deutsch - das ist echt bitter. Wir ermutigen Boris sich an CDS zu wenden, das sei ja nun nicht Sinn der Unternehmung.
Mit frischen Strümpfen aus der Waschmaschine in der Hand endet der Tag.
Am Dienstag verpeile ich irgend wie die Zeit und komme 5 Minuten zu spät, aber das interssiert die New Yorker sowie nicht allzu sehr. Jamie und ich sollen diverse Knöpfe und Zierbänder annähen. Danach gehts zum Kostümdesigner der gestern schon da war. Da vieles im Garment District angesiedelt ist, können wir gemütlich dorthin spazieren. Auf dem Weg will Rosi noch eine Freundin besuchen. Wir gehen in ein Geschäftsgebäude und fahren per Aufzug in den 3. Stock. Dort öffnet sich die Tür und ich stehe mitten in einem Kostümverleih. Auch hier ist alles übereinander gestapelt und wild durcheinander sortiert. Oh mann, und es steht alles zum Verkauf. Die Rezession macht vor NYC genauso wenig halt wie anders wo. Mit offenem Mund und glänzenden Augen laufe ich durch die dutzenden Reihen vollgestopfter Kleiderständer mit Kostümen aus allen Jahrzehnten und Deckaden. Darf ich bitte hierbleiben... eine Woche mindestens, oder für immer?
Nach 20 Minuten gehts leider weiter zum Designer. Der ist gar nicht da, aber Rosi hat den Schlüssel. Sein Atelier sieht auch eher aus wie eine große Garage mit Betonfußboden und Lagerhallenfenster mit einem Blick auf die nächste Häuserwand. Wenigstens ist aufgeräumt. Wow, er kennt Hugh Jackman und Denzel Washington. Wir packen Stoffe in, die wir brauchen für sein Musical und gehen wieder. Jamie und ich sollen noch passenden Reißverschlüsse kaufen. Da wir in dem einen Laden keine passende Farbe finden, soll ich nochmal allein weiter suchen. Oh Gott! Ich mach mich auf die Suche und werde im zweiten Laden fündig. Bei meiner Rückkehr schaut mich Rosi von unten über den Rand ihrer Brille an und meinte etwas zynisch, sie hätte fast eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ups, ok heute hat sie keine gute Laune. Gleich nochmal muss ich los um Knopflöcher in eine Jacke machen zu lassen. Es gibt einen Laden, der die entsprechende Maschine dazu hat. Ein Knopfloch - einen Dollar. Dazu muss man sich wie beim Doktor auf einen der Stühle setzen und warten bis man dran ist. Das geht ziemlich fix und zurück im Atelier soll ich noch 5 Knöpfe annhähen und es kann heimgehen.
Am Donnerstag hab ich dann erstmal frei weil Rosi Geburtstag hat. Das ist tip top weil ich dann für die irre Party ausschlafen kann. Wooohoooo!
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Guten Morgen Schwesterlein :-) Das hört sich alles soooo toll an... Mark ist ganz begeistert von deinem Schreibstil ;-)
AntwortenLöschenHoffe es geht dir trotzdem gut, auch wenn du dich dort nicht so wohl fühlst, wie du vielleicht gehofft hattest.
Denk an mein Mitbringsel :-D Irgendwas geiles .. hihi.. nee Spass.. Aber wenn du zufällig was findest solltest,ge? wisste Bescheid :-D
Heut abends gehts mit Mutti und ner Freundin zum Gospel :-)
Hoffentlich bis bald.. Und komm ja wieder ;-) (und nicht mit 5 kg mehr auf den Rippen)
Hab dich ganz doll lieb und ganz liebe Grüße vom Mark
So, Du Schnorps - dann kannst Du ja heut noch die S** rauslassen *hihi
AntwortenLöschenHoffe auch, dass es Dir wieder besser geht?
Steffi hat mich heut mit zum Gospel Konzi genommen - the New York Gospel Singers - es ist also überall n bissel New York *lach
Und das Konzert war Klasse!
Deine ausführlichen blogs sind toll.
Ein paar meiner fellows lesen sie auch.
Knutsch
von Deiner Mama
Ja mir gehts tatsächlich besser. Huste zwar immer noch ein bisschen rum aber momentan gibts wichtigeres ;o).
AntwortenLöschenDie Sau raus lassen konnte ich heute noch nicht, weil ein Auftrag reinkommen ist, der noch erledigt werden muss.
Yo, danke für die Blumen. Sogar in meiner Gruppe gibts Leute, die den Blog ganz toll finden und sogar ihren Freunden und Verwanten weiterleiten, weil sie selber nicht zum Schreiben kommen ;o).
Allerliebste Grüße an alle zurück und an die, die das hier lesen.