Es ist Sonntag und ich werde das erste Mal von der Sonne geweckt. Bisher war das Wetter in NYC nicht sehr überwältigend, allerdings werde ich an diesem Tag...
erfahren, warum das gar nicht mal so schlecht ist.
Da ich es gestern nicht geschafft habe meinen Arbeitsweg abzufahren um mich am ersten Tag nicht zu verfransen, steht das heute ganz oben auf dem Programm. Dieses Mal begebe ich mich direkt auf den Weg dorthin, ohne Abstecher - sicher ist sicher ;o). An der 23rd Street Ecke 7th Avenue angekommen finde ich mich ziemlich schnell zurecht, nur 2 Blocks entfernt liegt das Atelier von Rosi. Auf dem Bild ist es in dem Gebäude ganz rechts.

Gleich an der Ecke gibt es einen kleinen Stoffladen, der wie manche andere Geschäfte Sonntags geöffnet hat. Dort drinnen stapelt sich alles bis unter die Decke, die Gänge sind so schmal, dass kaum 2 Menschen aneinander vorbeikommen. Ein alter Mann sitzt hinter dem Tresen und schläft fast ein.

Draußen schlägt die Sonne Schneisen durch die Straßenschluchten und es ist unerträglich, wenn man nicht gerade im Schatten ist. Es weht zwar Wind, aber der kann nicht gesund sein. Ich setze mich auf die Eingangsstufe des Ladens und versuche andere Teilnehmer zu erreichen um zu klären, ob wir nun eine Bootsrundfahrt machen, oder auf den Renegade Craft Fair gehen. Das ist ein Künstlermarkt der jedes Jahr im Sommer in Brooklyn stattfindet.
Wie ich da so sitze, schwitzend und leicht lustlos bohrt sich die Frage in mein Bewußtsein, die sich schon seit den letzten Tagen immer mal wieder bemerkbar macht: Wieso fühl ich hier nicht wohl? Ich denke ziemlich lange darüber nach und komme zu dem Schluß, dass es mehrere Dinge gibt. Zum einen sind es die unzähligen Hochhäuser, die monoton aus dem Boden ragen. Auf den Fotos sehen die zwar toll aus, aber vor Ort bietet sich einem ein ganz anderes Bild. Dreck überall, Schlaglöcher in Straßen und Fußgängerwegen, Abrisshäuser neben Glaspalästen... Unordnung wohin man blickt. Die meisten U-Bahn Stationen könnten genauso mitten in Bombay liegen so wie der Schmutz die zerschlissenen Kachelwände herunterkriecht und der Rost sich durchs Gebälk frisst. Es ist vorallem der Fakt wie nah Elend und Überfluss bei einander liegen. Was sich in anderen Großstädten in einzelnen Bezirken zentriert, kommt hier allerorts aufeinander und das lässt nur schwer eine Atmosphäre aufkommen mit der man sich nun identifizieren kann oder eben nicht. Es ist nicht leicht sich das einzugestehen, hat man doch eine Möglichkeit serviert bekommen, für die andere ihre eigene Großmutter verkaufen würden.
Lethargisch laufe ich auf der Siebten zurück zur U-Bahn um mich auf den Weg nach Brooklyn zu machen. In U-Bahnen herrschen ganz eigene klimatische Verhältnisse. Die Klimaanlage bläst einem unaufhörlich eiskalte Luft in den Nacken, man hat uns schon gesagt, dass wir uns was zum drüberhängen für die Fahrten besorgen sollen.
In Brooklyn steige ich aus und irre zunächst missmutig durch die Straßen. Es ist ein Wohnviertel mit vielen kleinen Cafes und Läden am Straßenrand. Es herrscht Marktstimmung und es kommen mir viele Fashionistas und Hipsters entgegen, so falsch kann ich also nicht sein.

Auf dem Markt angekommen muss ich staunen. Der erstreckt sich über 2 große Sportfelder, eines für Baseball das andere für Fussball und Laufen. Dort spielen auch tatsächlich ziemlich viele Leute die verschiedensten Dinge. Von Dodgeball (ähnlich wie Feuerball) über Baseball bishin zu Squash mit der bloßen Hand. Rund um die Felder haben sich die kleinen Stände verteilt. Über 250 an der Zahl wird dort ziemlicher geiler Scheiß verkauft. Hauptsächlich findet man bedruckte Shirts und Hoodies, selbstgenähte Taschen und Klamotten, Schmuck, selbstgedruckte Poster und allerlei anderes. 50 % aller Besucher sind junge Leute, die auf der Suche nach dem neustem IT-Piece sind. Erstaunlicher Weise sehen die alle ziemlich London aus... London vor einem Jahr - Skinny Jeans noch und nöcher, meistens über dem Knie abgeschnitten, feine Jersey in XL sizes, Stoffschuhe, Beutel, Vintage Zeug und seuchenartig viele Ray Ban Brillen. Farblich reduziert sich das ganze auf den schwarz - grau - weiß - blau Bereich. Dazwischen tummeln sich in friedlicher Zweisamkeit Mütter und Väter, kleine Kinder, dicke White Trash Amerikaner, indische Großfamilien oder spanische Gangs. Irgendwie witzig, denn für die gibts hier eigentlich gar nichts zu kaufen. Es ist wohl viel mehr der nach-draußen-geh Gedanke, der bei den Amerikaner fest verankert ist. Ich sitze ziemlich lange auf einer Wiese im Halbschatten und beobachte das bunte Treiben, hier gehts mir gleich schon viel besser.

3 Freunde sitzen am Wegesrand und schreiben für einen Penny Liebesbriefe.

Auf meinem Weg zur U-Bahn kommt es dann noch besser. Nicht nur das mir der Gewinner von Project Runway (Amerikanische Castingshow für Modedesigner moderiert von Heidi Klum) Christian Siriano über den Weg läuft, es halten mich auch zwei bunte Mädchen an und fragen wo ich mein Shirt gekauft hätte. Ich trage gerade eine pinke 80er Jahre Jogginghose die ich als Longshirt umgenäht habe. Ich erkläre ihnen, dass ich das selbst gemacht haben, da wollen sie eine Visitenkarte von mir. Ich muss schmunzeln und sage das ich keine habe, aber sie lassen nicht locker und wollen meine myspace Adresse. Nagut, kein Ding. Dafür frage ich sie wo die guten Partys gehen und die beiden versprechen mir ne mail zu schicken und mich mitzunehmen - cool!!!
Etwas weiter dröhnt mir ultralaute nurave Musik entgegen und ich sehe bunte Menschen an einer Straßenkreuzung tanzen - muss ich hin.

Sie verkaufen Vintageklamotten und haben ziemlich viel Spaß dabei. Sofort sticht mir eine Bluse ins Auge auf die ich zugehe. Einer der Typen kommt auf mich zu und meint er gibt sie mir für 8$ anstatt für 10$. Ich ziehe sie also an und wir beide sind uns einig, dass das Teil rockt. Allerdings wollte ich in der ersten Woche keine unnötigen Ausgaben machen und überlege noch ewig hin und her. Dann kommt mir die Idee - ich sage zu ihm: Hey, lass uns einen Deal machen. Ich nehm die Bluse für 8$ und du nimmst mich mit auf die nächste Party (Das es sich dabei um keine dumme Anmache meinerseits handelt, bestätigt der Fakt, dass der Mann so schwul wie 3 Baletttänzer ist). Da grinst er mich an und meint: "Klar, ich schmeiß sowieso meine eigenen Partys. Diesen Donnerstag ist wieder eine in der Lower East Side, das wird so eine super glamuoröse - Transvestieten - Nurave - NYC Club Kids - Drecksau Party. Wie heißt du? Ich schreib dich auf die Gästeliste... ach und, zieh was Verrücktes an. IRRE!
Überglücklich fahr ich in der Eskimo U-Bahn nach Hause und bereite mich auf meinen ersten Arbeitstag vor.
Brooklyn rockt!!!
oops - jez wird mir langsam bange *hihi
AntwortenLöschensieht klasse aus!!!
Drück Dich
Deine Mama