verstanden – grob! Ich bräuchte einen Fingerhut, wurde mir noch gesagt. In Italien wäre man kein wahrer Schneider, wenn man keinen Fingerhut besäße. Nun denn, gesagt getan.
Das Atelier ist riesig und liegt direkt vor einem kleinen Kanal innerhalb des jüdischen Ghetto. Mit Floriana, einer Mitarbeiterin von Co.Ge.S und 4 anderen Neugierigen aus unserer Truppe geht’s flott durch die Gassen von Venedig. Sie hat hier studiert und kennt sich bestens aus, daher die etwas schnellere Gangart. Das nennt man den Venezianischen Schritt: schnell und geradlinig. Auf dem Weg zum Atelier führt sie uns durch das jüdische Ghetto und erklärt uns das, das Wort Ghetto aus dem Venezianischen käme und in dem Sinne keine negative Bedeutung hätte. Vier Synagogen gäbe es hier und die Häuser sind in diesem Sestiere (in Venedig gibt es 6 Stadtteile, deshalb „das Sechstel“) am höchsten. In den Straßencafés sitzen tatsächlich auch viele Männer mit den markanten Locken und schwarzen Roben. Im glänzenden Sonnenschein erreichen wir das Atelier Nicolao und schon von Außen sehe ich, dass das keine einfache Schneiderei ist.
Im Schaufenster hängen die phantasievollsten Kostüme. Innen erschlägt einen die prunkvolle Ausstattung mit Deckengemälden, gerahmte Malereien an den Wänden, orientalischen Teppichen mit barocken Möbeln darauf. 

Die Frau, die uns entgegen kommt ist von oben bis unten in cremefarbenen Sachen gekleidet, dezent geschminkt und beschmuckt. Ich schätze sie mal vorsichtig auf 55, aber in Italien ist das so’ne Sache mit dem Alter, denn irgendwie sehen alle jünger aus als sie sind. Selbst im Atelier kommt uns ein junger Typ in Jeans und Shirt entgegen, den ich auf ca. 26 schätze. Von hinten springen mir seine silbergrauen Haare ins Auge. Mannomann! Wie zum Teufel machen die das? Unsere Italienischlehrerinnen in Berlin meinten, das läge am Klima, am guten Essen und weil man mehr Sex hat. Wer weiß… Der Typ ist übrigens 35 wie ich später erfahre! Floriana und ich setzen uns mit der Frau an einen gläsernen Tisch um die Einzelheiten zu besprechen. Ich kann einzelne Wörter aufschnappen, fühle mich aber eher als Tischdeko. Nach zehn Minuten Gespräch zeigt sie uns herum und in dem riesigen Studio. Alles ist sehr modern und sauber. Es gibt einen großen Pausenraum mit Küchenzeile und einer sehr langen Tafel für alle Mitarbeiter. Zum Glück habe ich nur 45 Minuten Mittagspause und nicht 3 Stunden, so wie es für die Siesta hier üblich ist. Es gibt einen großen Nähsaal
Nach dem Vorstellungsgespräch geht’s mit den anderen weiter durch die City. Ohne Plan natürlich, denn den braucht man nicht. Es gibt kein falsches Ende an dem man herauskommen kann und wenn man sich schon mal verläuft braucht man nicht lange um ans eigentliche Ziel zu gelangen, denn so groß ist die Wasserstadt nicht. Das Wetter lässt Urlaubsfeeling aufkommen und so schlängeln wir uns entlang der Touristen durch das Wunder auf Baumpfählen. Zur Rialtobrücke gelangen wir eher zufällig und nach dem Entschluss den Heimweg anzutreten, stoßen wir auch noch völlig unverhofft auf den Markusplatz. Unbeschreiblich wie vereinnahmend dieser Platz mit seinen Monumentalbauwerken ist. Wie angewurzelt bleiben wir stehen und lassen unsere Blicke fesseln. Man verliert sich unheimlich schnell im Detail, den vielen kleinen Ornamentierungen, Figuren und Mosaikbildern. Am anderen Ende des belebten Platzes fährt plötzlich ein riesiges Kreuzfahrtschiff vorbei – merkwürdig. Verkehrte Welt hier. Allerdings sitzt uns etwas die Zeit im Nacken. Wir wollen das Abendbrot nicht verpassen und außerdem werden wir morgen umziehen, glauben wir zumindest. Das heißt, abends noch alles vorbereitet und die Koffer halbwegs gepackt.
Am nächsten morgen frühstücken wir gemeinsam und hieven dann unsere Koffer aus der zweiten Etage an die Rezeption. Die Schlüssel müssen wir nämlich um 10.00 abgeben. Dann soll’s losgehen, doch plötzlich stimmt irgendetwas nicht. Antonio ist mit der Wohnung für uns Mädels unzufrieden. Erst auf Nachfrage, erfahren wir dass sie wohl zu dreckig sei. Egal, wir wollen das 100 qm Geschoss trotzdem sehen. Nach den Gruselgeschichten mit geteilten Zimmern, ist uns fast alles Recht. Hauptsache jeder hat seine eigenen vier Wände. Vier Stunden später fährt dann das Auto vor. Jaja, das ist Italien! Die Zwischenzeit haben wir uns mit „Mensch, ärger dich nicht“ und „Dame“ spielen vertrieben, mit der Info, dass es gleich losgehen würde. So ist das numal ;o). Die Jungs sind schon kurz vor uns logefahren, sie haben ihre Wohnung in Maghera, ein angegliederter Stadtteil Mestres schon sicher. Dann kommen wir Mädels dran. Mit dem gesamten Gepäck fahren wir in die Wohnung, die laut Antonio eigentlich zu dreckig wäre. Eine kurze Autofahrt später kommen wir zu unserem Erstaunen auch in Maghera an, dabei hieß es die ganze Zeit, dass wir in Mestre wohnen würden. Nunja, mal schauen. Das Haus sieht von außen sehr nett aus, die Gegend gepflegt und ein großer Supermarkt ist direkt gegenüber. Die Vertretung der Hausverwaltung öffnet uns die Tür zum Treppenhaus, in dem es ganz merkwürdig riecht. Die Tür zur Wohnung in der ersten Etage steht bereits offen und dahinter verbirgt sich eine tatsächlich riesige Wohnung. Wir sind total aus dem Häusschen als wir feststellen, dass es ein viertes Zimmer gibt, das wohl biser als Wohnzimmer genutzt wurde. Darin stehen eine Schrankwand und eine Couch. Außerdem geht es von dort aus auch noch auf einen Balkon mit Wintergarten. In den anderen Zimmern stehen jeweils 2 Betten, 2 Nachttischschränkchen und 2 Kleiderschränke. Die Küche ist halbwegs ausgestattet und im Bad gibt es eine Waschmaschine. Wir können uns kaum Halten vor Freude. Gut, die Wände sind tatsächlich schmutzig und es riecht auch merkwürdig, irgendwie nach Feuchtigkeit. Aber egal, ich habe mein eigenes Zimmer, was anderes interessiert mich momentan nicht. Nun beginnt die Diskussion zwischen Antonio und dem Herrn von der Hausverwaltung. Es müsse wohl noch etwas geputzt werden und die Vormieter hätten auch noch Sachen in den Schränken. Ein wenig traurig sind wir schon, dass wir nicht gleich da bleiben dürfen, trösten uns dann aber mit dem Gedanken, dass wir morgen in eine super saubere Wohnung kommen. Also geht’s mit Sack und Pack wieder nach Hause. Dort ruhen wir uns kurz aus, denn heute Abend stehen ein Konzertbesuch und das Abschiedsessen mit Markus, dem Deutschen Begleiter, auf dem Programm. Zu dem Konzert hat uns Madlens neue Chefin eingeladen bei der sie am Vortag das Vorstellungsgespräch hatte. Also pilgern wir Mädels mit Eric im Schlepptau los nach Venedig. Natürlich verlaufen wir uns in der Dunkelheit, finden aber noch rechtzeitig den Weg. Das Theater, in dem das Bläserkonzert stattfinden soll ist eine kleine Halle mit gerade Mal 100 Sitzplätzen und kahlen Backsteinwänden. Die Bühne ist leicht erhöht und auf ihr sitzen bereits starr 4 Musiker. Was dann passiert bedarf eigentlich einer einseitigen Ausführung, die ich euch Lesern aber an dieser Stelle lieber erspare, denn schon ich habe mich über eine Stunde verschenkte Zeit geärgert. Etwas derartig sinnloses und konzeptfreies habe ich selten gesehen und Musik gab’s auch keine. Zu allem Überfluss handelte es sich auch noch um Deutsche Künstler, was das ganze für mich noch unangenehmer machte. Ich bin derartig wütend geworden, als ich diese erwachsenen Männer auf der Bühne sich gegenseitig Noten von ihren Ärschen ablesen sah, dass mir wieder dieser Gedanke kam: „… und in Afrika sterben Kinder! Wir versitzen hier unsere kostbare Zeit und bezahlen Menschen dafür, dass sie sinnbefreite Scheiße machen. Unglaublich!“ Es ist kalt geworden als wir das Theater verlassen. Der Wind von der Lagune pfeift uns ungeschützt um die Ohren weil wir direkt am Rand von Venedig stehen. Von Weitem sehen wir schon Phillip und Björn mit denen wir dann zu einer nahe gelegenen Pizzeria gehen. In der heimelig italienischen Atmosphäre stehen über den halben Tresen verteilt alle Star Wars Figuren als Plastikausgabe in Tetra Pak Größe. Kurz werden Tische für uns zusammengeschoben und auf geht’s zu Bestellung. Tabea bekommt ihr Essen zu erst und wie es sich bei uns gehört, darf jeder kosten. Zum Glück sagt sie mir erst beim Draufbeißen, dass ich gerade Tintenfischarme im Mund habe. Hm, schmeckt wie Leber bloß mit Fischgeschmack. Die Nudeln in der schwarzen Soße dazu sind allerdings nicht mein Geschmack. Ich vergnüge mich dann doch lieber später mit meiner Spargelpizza. Natürlich wird auch Wein gereicht und mittlerweile schaffe ich es auf ein Glas täglich, nämlich immer zum Abendbrot. Die Verwandlung hat begonnen ;o). Die Männer machen sich schon zeitig auf den Weg, denn morgen geht’s auf zum Fussballspiel nach Bologna.
Die weibliche Fraktion sitzt noch gemütlich mit Markus und genehmigt sich noch ein, zwei Gläser bevor wir uns auf den Weg machen. Die kleinen Gassen sind wie leergefegt, auf den großen kommen ab und an noch Passanten vorbei, denen die Souvenir Händler sehnsüchtig hinterher blicken. Fröhlich beschwipst stellen suchen wir auf dem großen Busbahnhof den richtigen Steig und haben sogar Glück. Den letzten Bus zu verpassen ist nämlich keine gute Idee, da der Versuch die Ponte di Libertà zu überqueren ziemlich blödsinnig ist.
Wir fallen ins Bett und freuen uns auf unseren Umzug. Antonio will punkt 8.30 vor unserer Herberge stehen um uns anzuholen. Nun denn.
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