Der erste Arbeitstag, die Mücken haben sich voll und ganz an mir ausgetobt. Überall juckt es. Jenny und ich sind gemeinsam...
aufgestanden um dann auf die Insel zu fahren. Wir haben vorsichtshalber eine Stunde eingeplant und kommen natürlich viel zu früh an. Kurz nach halb neun steh ich vor dem Atelier. Innen werde ich von einer netten Kollegin begrüßt, die mich im hinteren Teil des Ateliers in die zweite Etage des Nähbereichs bringt. Sie fragt mich, ob ich Italienisch könnte und ich grinse nur verlegen. „Ahhh, capsici poco poco poco“ sagt sie lachend (du verstehst also ein klitzekleines Bisschen). Ich bin nicht allein. Auch eine andere Praktikantin hat heute ihren ersten Tag. Sie sieht süß aus und reicht mir gerade bis zum Kinn. Alt kann sie noch nicht sein. Die Meisterin im Nähbereich stellt sich mit Marina vor und sagt wir sollen uns ein wenig umschauen, beobachten und verstehen wie das hier so läuft. Für mich keine große Neuigkeit. Die Umgebung erinnert mich sehr an meine Ausbildungszeiten in der Schneiderei in Erfurt. Es sind einige junge Leute hier, insgesamt sind vielleicht 15 Leute im Saal, die uns alle mit einem fröhlichen Ciao begrüßen. An den Wänden stehen Regale, davor die Maschinen und in der Mitte 2 große Tische auf einer Fläche von ca. 80 Quadratmetern. Wir zwei stehen da nun wie angewurzelt und wissen nicht so recht. Ich fasse mir ein Herz und setz mich vor die Maschine eines Mädels, die gerade einen Reifrock näht. Ich frage sie wie man das Ding aus Italienisch nennt und was sie als nächsten Arbeitsschritt macht. Mit hängen und würgen bringt sie eine Antwort heraus und fragt mich woher ich komme. Ich sage aus Berlino, da lacht sie und meint sie käme aus München. Claudia ist so alt wie ich und studiert in München. Wir unterhalten uns nur kurz bis ich zur nächsten Näherin schleiche. Die sitzt an einem der großen Tische und näht per Hand an einem Kleid herum. Auch sie frage ich was sie da macht und sie erklärt mir in gebrochenem Italienisch, das dies ein Kleid aus den Zwanzigern wäre, an dem es kleine Reparaturen gäbe. Sie kommt übrigens aus Österreich ;o). Noch während wir darüber lachen, kommt Marina und bittet mich etwas von einem Kleid abzutrennen. Kaum bin ich damit fertig soll ich mit Katarina, der anderen Praktikantin, nach unten ins Erdgeschoss. Dort scheint mir so was wir Wareneingang und –ausgang zu sein, bzw. ist das der Vorraum vom Lager. Dort stehen Stoffe und Zutaten aller Art an der Wänden verteilt und in der Mitte wieder ein großer Tisch. Zwei junge Frauen sitzen dort und brüten über Listen mit Maßen und Namen. Gleich daneben sitzen 4 junge Mädels und nähen von Hand an Hüten herum. Eine der Frauen führt uns zu einem Ständer mit Theaterkostümen. Aus dem heraus Kontext kann ich entnehmen, dass das Kleider eines Stückes sind, welches mal aufgeführt wurde und nun an einem anderen Ort aufgeführt werden soll. Deswegen sollen wir zuerst Fertigmaße abnehmen und danach die Namensschilder in jedem Teil den neuen Schauspielern anpassen. Katarina ist sehr schüchtern und hat Angst, wie sie später auch sagt. 21 Jahre ist sie jung und richtig goldig. Ich frage sie während unsere Aufgabe über fehlende Fachbegriffe aus und schreib sie mir auf den Arm. Allerdings hat sie Probleme zu verstehen, dass ich nicht ihre Sprache spreche. Sie tut sich schwer mit erklären und umschreiben, aber egal. Ich versuche zu reden und traue mich auch immer wieder zu sagen „non capisco“. Was die anderen Mädchen sich erzählen verstehe ich nicht, aber immerhin schnappe ich einige bekannte Wörter auf. Zur Mittagspause versammeln sich alle im Pausenraum um die große Tafel, aber ich muss mir erst einmal etwas zu essen besorgen. Merke: Versuche niemals während der Mittagszeit etwas Günstiges zu essen in Venedig zu finden. Wenn du Glück hast findest du den Mc Donald’s, aber ansonsten – lass es! Die letzten Viertelstunde kann ich mich noch zu den Kollegen gesellen, die alle sehr lustig zu sein scheinen. Jedenfalls wird viel geredet und gelacht. Danach geht’s weiter Namen austauschen. Mir fällt eine ältere Dame auf, die immer wieder mit Dingen hin und her läuft. Die Münchnerin erklärt mir später, dass das Stefanos Mutter sei. Ihn bekomme ich auch ab und an zu sehen, wenn er mit Marina spricht. Er ist ein riesiger Mann mit einem riesigen Gesicht. Blonde Locken hat er und trägt eindeutig viel zu enge Hosen. Sowohl vorne als auch hinten. Dazu ein enges Polo. Die Frau, bei der ich mein Vorstellungsgespräch hatte ist im Übrigen seine Frau. Gegen Ende des Arbeitstages helfe ich noch einem schmächtigen Typen, der irgendwie koreanisch aussieht. Allerdings stellt er sich als Mohamed vor. Mit ihm zeichne ich Knopflöcher auf 6 Jacken an. Währenddessen kommen in Radio die Nachrichten. Ich verstehe etwas vom Afghanistan und terroristiki. Da sagt er verlegen lächelnd: „la mia paese“ (mein Land). Es gibt noch einen Afghanen hier der eher aussieht wie ein kleiner Mexikaner, aber anscheinend ist Italien ein Sammelbecken für diese Nation. Soweit so gut, der erste Tag ist damit gut überstanden. Ich brauche unbedingt bequeme Schuhe für die Arbeit, doch heute komme ich nicht mehr dazu, da die zwei Damen vom TÜV für heute ein Meeting angesetzt haben. Laut dem kurzen Anruf von Tabea treffen sie sich auf dem Platz so und so in der Nähe vom Piazza San Marco. Ich mach mich auf den Weg und stehe da nun, ohne richtigen Plan wohin. Über Handy erreiche ich niemanden also muss ich nach Gefühl laufen. Eigentlich ist das unmöglich denn ich habe nur einen Namen aber sonst nichts, dennoch schaffe ich es nach einer halben Stunde Fußmarsch und einmal im Kreis gelaufen auf den besagten Platz. Nun heißt es noch die anderen finden, die bereits hier in der Nähe essen. Im letzten Restaurant, was ich ansteuere finde ich dann tatsächlich die ganze Truppe. Die Tagliatelle mit Bolognese Soße, die ich bestelle sind noch schlechter, als das Zeug aus dem Glas. Tja, das passiert wenn man von Asiaten gemachtes Italienisches Essen isst. Egal, einen Spritz (Sekt mit Aperol, äußerst lecker) später machen wir uns auf den Heimweg, wo ich ins Bett falle, nachdem wir noch mal mit einem Räucherstäbchen rumgegangen sind. Der Gestank in der Wohnung ging trotz Lüftungsaktion nicht weg. Ich nehme an es ist die Feuchtigkeit hier, die die schimmlige Note verströmt. Kaum hab ich mich im Bett geparkt, höre ich schon wieder das surren. Obwohl ich mich extra vorher noch mal im Zimmer umgesehen habe, hängen nun 6 Mücken an den Wänden. Hier kann ich unmöglich schlafen. Ich schnappe mir Matratze, Kissen und Decke und ziehe zu Madlen ins Zimmer. Na endlich – buona notte!
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen