13.30 Uhr schäl ich mich aus dem Bett und husche noch schnell mit Johanna in die Kantine bevor diese schließt. Wir essen gemütlichst in ihrem Zimmer mit der wunderbaren Aussicht auf die sonnige Bronx. Dann werden wie immer als erstes die mails gecheckt... oh fuck! Gottverdammter Mist, verf***te Dreckspisse - ich hab den Geburtstag meiner Mutter verplant. Oh man, sowas ist mir ja noch nie passiert. Ich meine, sie wirds mit Fassung tragen, aber mein lieber Herr Gesangsverein! Da mein Festnetztelefon seit ner Woche nicht mehr funktioniert und unsere Prepaid SIM Karten keine internationalen Anrufe zulassen, muss ich schnell zum Boris. Ok cool, sie lacht und sagt nur: Ach halt die Klappe, wie gehts dir?
Nach dem Telefonat will ich mich beeilen, schließlich ist das mein letzter Sonntag im Big Apple und wir habens schon 15.00 Uhr. Doch irgendwas hällt auf. Eine gewisse Lethargie verfolgt mich schon seitdem ich das erste Augen offen hatte. Dann kommt er, plötzlich und heftig, der erste Tränenausbruch. Die Erlebnisse der letzten Wochen summieren sich gerade in diesem Moment zu einer Wucht, die mich in die Knie zwingt. Ich ringe nach Luft, dort unten auf dem Boden meines Zimmers. Die verbleibenden paar Tage sind gerade zu einer Galgenfrist geworden. Dabei ist es nicht so, dass ich in NYC den perfekten Platz für mich sehe, sondern viel mehr die Angst vor der Rückkehr in eine Zukunft, die schon vor NYC nicht das gelbe vom Ei war. So vieles hatt sich verändert, der Horizont um ein vielfaches erweitert, die einstige Bequemlichkeit kommt einem geradezu wie eine einzige Farce vor. Wie soll es nun weitergehen? Alle Türen stehen mir mit meiner außergewöhnlichen Qualifikation und dem Jobtraining offen, doch welche kann mir versprechen eine gute Wahl zu sein. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, was mich auf eines der größten Probleme unserer Generation stoßen lässt. Nämlich: Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenem Leben? Wir haben die freie Wahl, aber so vermeintlich toll ist das gar nicht. Der Druck für uns selber die beste Entscheidung zu treffen aus tausenden Möglichkeiten mit abertausenden Meinung, Tipps und Ratschlägen, macht die Lebensplanung zu einem niemals endendem Schiffe versenken. Mal ganz abgesehen davon: Wenn nichts mehr so unvorstellbar ist, das man dafür kämpfen bräuchte, welchen ideelen Wert hatt es dann noch? Aber das ist ein anderes Thema und würde die Dimension des Blogs sprengen. Auf jeden Fall muss ich nach einer tränenreichen Stunde erstmal eine Rauchen. Mit meinen verquollen Augen steh ich in Helens Tür und frage nach Feuer. Sie ist momentan krank - Mandelentzündung. Entzückend! Wir beschließen nächste Woche unsere alten Leben für nen Fünfer an der nächsten Ecke zu verkaufen um uns mit dem hiesigen Hab und Gut aus dem Staub zu machen. Wär doch was. Doch so einfach wie damals mit der Taschenlampe unter der Bettdecke ist es leider nicht, das ist uns klar. Momentan ist mir gar nicht danach auf die Wrap Party zu gehen. "Du spinnst wohl, das willst du dir entegehen lassen?" Hast ja Recht, Helen. Ich geh halt hin.
Mit Johanna schaff ich es endlich 18.30 das Haus zu verlassen. Die Jungs sind auf dem angrenzenden Parkgelände und spielen Frisbee. Wir werten den gestrigen Abend aus und erklären Daniel was alles passiert ist. Nun gehts mir schon besser. Von dort aus mache ich mich auf den Weg nach Tribeca zu der Wrap Party. Ich weiß nicht ob ich es schon erwähnt hatte, deswegen nochmal kurz zur Erklärung: Das komplette Team des Films feiert den Abschluss der Dreharbeiten. "Wrap" heißt soviel wie einwickeln, einpacken und kann in diesem Sinne wie unser "in Sack und Tüten" übersetzt werden.
Mehrere Türsteher stehen vor dem Eingang, von außen wirkt das eher wie ein Restaurant. Man hatte mir ja schon gesagt, dass es etwas zu essen und trinken geben wird. Es soll auch getanzt werden. Na da bin ich ja mal gespannt. Meine Name wird von der Liste gestrichen und eine schwere eiserne Tür öffnet sich. Durch einen schmalen Korridor laufe ich der lauten Musik entgegen. Hinter dem Vorhang dann wieder ein vertrauter Prozess: Versteinern, in Zeitlupe mit großen Augen umsehen, Unterkiefer wieder einfahren, die Mundwinkel bewegen sich in Richtung Ohrläppchen und dann plötzliches Lachen während man ungläubig den Kopf schüttelt.
Der Club ist schon voll als ich gegen 21.00 Uhr dort eintreffe. Den DJ erkenne ich sofort wieder, es ist der Serato Nerd aus dem Marquee, wow! Modellähnliche Frauen laufen mit Tabletts mit kleinen Appetizern herum, von der Decke funkeln tropfenförmige Glasstäbe, die Wände werden mit LED Lämpchen zum Glühen gebracht. Jetzt erst mal die Anderen suchen. Am anderen Ende des Clubs entdecke ich hoch über meinem Kopf die VIP Glaskabine, in der auch Nicolas Cage sitzt.
Alex, Brittany, Charlotte und Patrick:
Kurze Zeit später finde ich auf dem oberen Floor auch den anderen Rest meines Teams.Michael und Maryan, die beiden Kostümdesigner des Films.
Ich rechne mir die Zeit aus, wieviel Zeit zum Schlafen bleibt und entschließe mich gegen 24.00 zu gehen. Da bin ich nicht die einzige, es wird immer leerer und viele verabschieden sich bzw. lassen sich zum Taxi tragen ;o). Ich gehe zur Tür, doch da komm ich nicht durch, ziemlich viele Leute kommen gerade rein und gehen die Treppen hinab auf den zweiten Floor. Warte mal, die Jungs sind doch schwul und haben sogar ziemlich geile Outfits an. Die muss ich noch kurz fotografieren und laufe der bunten Truppe hinterher. Da unten läuft mittlerweile ganz andere Musik als oben und die Leute sehen auch ganz anders aus. Achso, dann haben die hier unten jetzt ne andere Veranstaltung. Ich fotografiere einige von ihnen, fragen brauch ich nicht mehr. Schon da oben hatt mich die Hälfte für die Partyfotografin gehalten ;o).
Hier einige Impressionen:
Dein Schreibstil wird immer besser :=)), ganz abgesehen von den Gedanken, die Du hier veröffentlichst - in besseren sprachlichen Bildern kann man sie nicht ausdrücken - um es vorweg zu nehmen: ich glaube, Du musst ein Buch daraus machen. Ernst!
AntwortenLöschenSachliche Richtigstellung
(für alle Mitleser:=)):
ich sagte: "Ich wusste, dass Du durch die Zeitverschiebung durcheinander kommst und erst zwei Tage später anrufst."
PS: bei dieser Rechnung hatte ich (schon mal so'n bissel) einkalkuliert, dass Du's vergisst *hihi
Drück Dich
Mamam
Der Meinung deiner Mutter können wir uns nur anschliessen.Dein Schreibstil zieht uns in unseren Bann.Du hast unglaubliches Talent zum Schreiben.Solltest Du in Deinem Traumberuf nicht Fuss fassen,kannst Du immer noch Bücher schreiben.Wir sind jetzt schon traurig,daß deine Zeit in NYC zu Ende geht und wir nur noch wenige Deiner Blogs lesen dürfen.
AntwortenLöschenBernhard u.Martina