Donnerstag, 30. September 2010

La Serenissima

Gut geschlafen hab ich. Jennifer und ich sind sofort weggeratzt. Andere klagen am nächsten Morgen wegen der nächtlichen Kälte und den Mücken, ich hab...
davon nichts mitbekommen. Bei Frühstück kommt wieder die Frage auf: Was machen wir denn heute? So genau weiß man das noch nicht. Wir gehen unsere Monatskarten holen und vielleicht treffen wir die Leute von CO.GE.S, die uns hier betreuen, mal sehn. Die Order lautet Punkt neun fahren wir von der Herberge aus los - nunja, 9.25 fährt der VW Bus vor.
Wo es genau hingeht wissen wir nicht. Über eine Art Stadtautobahn werden wir in ein ca. 20 Minuten entferntes Gebäude gebracht. Beim Anblick fällt mir die Kinnlade runter und ich brabbel so vor mich hin: Ach du Kacke, das wars! Ab gehts ins Gefängnis! Marcus kommentiert das Ganze nur trocken mit: "Na wir haben euch doch vorgewarnt was hier mit Ausländern passiert"

In Wirklichkeit ist das das Finanzamt wo wir uns gleich unsere Steuernummer abholen werden. Drinnen siehts aus wie im Warteraum eines Jobcenter, da sind wir uns einig. Jeder bekommt eine Nummer von Eleonora, unsere italienische Ansprechpartnerin von CO.GE.S zugeteilt und dann heißt es Platz nehmen. Wir sitzen ewig. Wie wir später feststellen, warten wir an der Schlange vom Ausländerschalter, dementsprechend lange brauchen die Antragsteller vor uns. Dank Eleneonora gehts es bei uns ganz fix. Der Beamte hinterm Schreibtisch tippt nur schnell die Daten ein, kopiert unsere Ausweise, druckt ein Schreiben aus, Stempel, Unterschrift - ich habe fertig! Weiter gehts im VW Bus - nun soll der große Augenblick kommen - wir fahren nach Venedig. Gespannt sitzen wir im Auto und folgen der Straße, die übers Wasser zur Insel in der Lagune führt. Es herscht strahlender Sonnenschein, alle Fenster sind runtergekurbelt - juhu, nocheinmal Sommer! Eisenbahngleise und Straße teilen sich die Brücke, die gerade wegs auf diesen kleinen Fleck am Horizont zuläuft. Beim Näherkommen sehe ich ein riesiges Kreuzfahrtschiff, was in der Stadt zu parken scheint. Es ragt hinter den Häuserdächern vor, liegt allerdings nur in einem Hafen. Venedig hat nur einen Bahnhof und nur einen Parkplatz, der Rest ist nur zu Fuß begehbar. Dementsprechend herscht eifriges Gewusel auf dem Platz vor den Stationen. Üblichweise parken wir in zweiter Reihe und laufen mit Eleonora fix zum Fahrkartenverkauf. Wir bekommen eine Karte mit Chip, die wie eine Monatskarte funktioniert. Während sie ansteht um dann minutenlang mit der Angestellten zu diskutieren, wagen Jenny und ich einen Blick hinter das Fahrkartenhäusschen. Und da ist sie, die Serenissima, die Allerdurchlauchteste. Wir blicken mit großen Augen auf den Kanal, der vor uns eine Kurve macht und ins Stadtinnere verschwindet. Wir stellen uns auf einen Brückenkopf und lassen die sommerliche Atmosphäre auf uns wirken. Häuserwände, die direkt aus dem Wasser wachsen und dazwischen die smaragdgrünen Wasserstraßen, die wie hunderte Swarovksi Steine glitzeren. Eigentlich wollten wir uns nur mal kurz ans Wasser stellen, aber es treibt uns immer weiter. Da kommt der Anruf von Eleonora, das es weiter geht. Schade, das wir uns schon wieder von der Wunderschönen verabschieden müssen.
Mit dem VW Bus gehts bis vor die Kantine unserer Herberge. Danach heißt es, das wir die CO.GE.S Leute treffen, also versammeln wir uns im Innenhof und stellen Stühle im Schatten zurecht. In der Sonne hälts man nicht lange aus (ob ich gerade Mitleid mit euch Erfurter, Berlinern, Darmstädtern, Hamburgern, oder wo auch immer ihr seit habe? Nö ;o)) Die Runde beginnt sehr locker und endet auch so. Antonio beginnt unsere kleine Runden und nach und nach stoßen seine Kollegen dazu. Es wird öfter mal kurz telefoniert und geraucht sowieso. Wir sollen etwas über uns erzählen, damit sie eine ungefähre Vorstellung von unserem Italienisch bekommen. Holprig, holprig die Angelegenheit, aber es geht. Dann sollen wir unsere Erwartungen und Ängste aufschreiben. Italienisch oder Englisch. Ich starte und sage zum Schluss, dass meine einzige Angst die Wohnsituation für uns Mädchen sei. Doch Antonio kann uns beruhigen. Er hätte eine Wohnung für uns, die 100 qm groß ist und 3 Zimmer hat. Uns fällt allen ein Stein vom Herzen. Daraus entspinnt sich allerdings auch eine interessante Diskussion. In Italien ist es nämlich gang und gäbe als Student mit einem oder mehreren Menschen in einem Zimmer zu wohnen. Die Junge Frau neben mir, hat bis zu ihrem 30. Lebensjahr so gelebt, weil die Mieten einfach unbezahlbar wären. Sie meinte, es wäre ein nordisches Ding, dass wir alle ein eigenes Zimmer beanspruchen, sowas gäbe es hier nicht. Wow, mittlerweile schockiert mich nicht mehr diese Tatsache, sondern das wir so einen Terz machen. Wahrscheilich ist das wie, wenn jemandem der Atem stehen bleibt, wenn ich ihm erzähle, dass ich in einer WG wohne. Komisch!!!
Am Ende der Kennenlernrunde bekommen wir auch die Termine für unsere Vorstellungsgespräche gesagt: Morgen gehts los - hui! Björn,Phillip und ich fahren mit Floriana nacheinander unsere potentiellen Arbeitgeber ab.
Später gibt es dann Abendessen. Nudeln, natürlich. Mit Tabea geh ich noch zum Rauchen in den Innenhof. Kurz darauf gesellen sich der Koch und 2 ältere Herren dazu. Zufällig kommen wir ins Gespräch, halb englisch, halb italienisch. Nachdem die 2 älteren Herren gegangen sind, fragen wir den Koch wo er her kommt. Aus Afghanistan. Er sei ein Flüchtling. Knapp 2 Stunden sitzen wir und können kaum glauben was er uns alles erzählt. Von den Amerikanern als Lockmittel gegen die eigenen Landsleute missbraucht, musste er über Nacht sein Elternhaus verlassen aus Angst vor der Taliban. Mit 15 Jahren! Dann flüchtete er über Pakistan nach Iran, Türkei, Griechenland um dann nach Deutschland zu Freunden zu kommen. Doch in Italien hielt man ihn fest. In der EU könne er sich ohne Papiere nicht ohne weiteres bewegen. Innerhalb eines Jahres lernte er so gut Italienisch, dass er nun als Übersetzer arbeitet und nebenbei noch hier als Koch. Noch 3 Jahre muss er bleiben, dann bekommt er die Italienische Staatsbürgerschaft und kann auswandern. Wahrscheinlich geht es nach New York zu seiner Schwester. Die EU mag er nicht, er will zurück nach Hause, aber diesen Wunsch, hat er längst aufgegeben. Zu gefährlich.
Haben wir ein tolles Leben!

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