Freitag, 19. Juni 2009

Lass uns Freunde sein

In meinem Zimmer ist es prinzipiell warm, hier drin steht die Luft. Mit dem Deckenventilator kann man sich nur geringfügig Abhilfe schaffen. Morgens werde ich meistens...
von Vogelgezwitscher und dem fernen Rauschen vorbeifahrender Autos geweckt. Mein erster Blick geht dann aus dem Fenster, ob es schon wieder regnet, was es meistens tut. Wenn dann doch mal gutes Wetter ist, kann ich bei Sonnenuntergang zwischen den Blättern der Bäume den Hudson glitzern sehen. Im Schlafanzug und meinen 0,99$ Flip Flops wandel ich dann zur Gemeinschaftsdusche. Dann ein weiteres Mal angezogen zum Zähneputzen und so. Nach dem Frühstück gehts direkt los zur U-Bahn an der 125th Ecke Broadway 2 Häuserblocks entfernt. Heute früh hats wie aus Eimern gegossen. Die U-Bahn war ertsaunlicher Weise leer. So genau kann man das hier nie vorraussagen. Neulich mussten wieder Leute draußen auf die Nächste warten. Dann schreien auch die Fahrer lauter: "Stand clear of the closing doors". Einer war neulich so genervt, dass er noch ein "man" im Rapstil hinten dran hing. Überhaupt werden die Angestellten der Metro ziemlich schnell laut, manchmal sind sie aber auch lustig. Einer hat neulich das Long von der Haltestelle "Long Island" ewig in die Länge gezogen. So wie dieser Boxmoderator ;o).
An der 23th steig ich aus und lauf noch 2 Blocks, dann bin ich schon im Atelier. Bisher sollte ich meistens Knöpfe oder ähnliche Verschlüsse annähen, Säume umstechen oder Stoffe sortieren. Gestern sollte ich dann meinen ersten Schnitt von einem bestehenden Teil abnehmen. Gott, was für ein Krampf - es handelte sich dabei um eine Jacke, die Schauspieler tragen, wenn sie in die Bluebox müssen. Das ist ein blauer großer Kasten in dem die Schauspieler ein Szene drehen, damit man sie später in einen animierten Hintergrund einfügen kann. Das Ding bestand zu 80% aus Klettmaterial und klettete nun ständig zusammen. Der Rest war Elasthan, der schon so ausgenudelt war, dass man keine klaren Nähte definieren konnte. Irgend wie hab ichs dann hinbekommen. Den Rest des Tages bin ich mit Jamie auf Achse im Garment District um Stoffe oder Zutaten zu besorgen. In manchen Straßen reiht sich ein Textilgeschäft ans nächste. Einige sind riesig, andere eher klein aber dafür spezialisiert. Dazwischen tummeln sich immer wieder kleine Imbisse, und Zeitschriftenläden. Essen kann man fast überall kaufen. Vom billigsten Fraß bishin zu ökologisch angebauten Wellnesssalat. Die Supermärkte in Manhattan sind überwältigend. Dort wird das Gemüse scheinbar nach Farben sortiert und die Stiele der Obstsorten werden alle im gleichen Winkel ausgerichtet. Es gibt Theken mit über 50 verschiedenen Angeboten an bereits fertigen Speisen aus aller Welt. Alles einzeln, sodass man seine Schachtel nach Herzenswunsch befüllen kann. Vorallem die Süßigkeitenabteilung hats in sich. Winzige Torten, kleine Torten, große Torten, Muffins, Brownies, Donuts mit den fantasievollsten Verzierungen und sehr viel Sahnecreme. Manchmal holen wir was zu essen, oder Rosi kocht. Vorgestern hat sie Fisch gemacht, irgend eine Haisorte. Dazu gabs glasierte Rote Beete Würfel und Salat. Da Rosi eher hektischer Natur ist, war der Fisch halb verbrannt und der Salat mehr Zwiebel als alles andere ;o). Aber egal, Hauptsache ich muss mein Geld nicht dafür ausgeben. Zuhause ernähre ich mich größtenteils von geschmacksneutralen Cornflakes, Dosenraviolie oder Fünf Minuten Terrine. Irgend wie hat sich auch mein Geschmack verändert. Mein Highlight des Tages sind momentan Doppelkekse mit Erdnussbutterfüllung - göttlich! Auch die Donuts, die es heute früh im Atelier gab, sind gar nicht mal so schlecht, man darf bloß nicht mehr als 2 essen ,o). Gosia, die Polin, hat sie ausgegeben. Sie mochte keinen essen. Sie mag Amerikansiches Essen nicht. Überhaupt sagt sie, die Amerikaner seien verrückt. Sie wird Mitte 40 sein und arbeitet am längsten für Rosi. Die zwei haben ihren Kampf schon ausgetragen, denn sie ist die einzige, die frech sein darf zu Rosi ;o). Mr. Ashi und Jolanda sind eher schweigsamer Natur und lassen Rosis temperamentvolle Anfälle ganz ruhig über sich ergehen. Lu, die andere Spanierin sagt nie etwas, ich glaub sie kann gar kein Englisch. Die Beiden reichen mir gerade bis zur Brust und sind irgend wie putzig. Heute hatte Rosi einen guten Tag. "So Jamie and Määäääxi, come to me". Sie war am Abend zuvor auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung und hat Werbegeschenke mitgebracht. Nagellack, Haarspray, einen Eyeliner und ein Tuch hab ich bekommen. Ich glaub sie mag mich, weil ich so verrückt bin wie sie und sie weiß, dass ich ihr Gefluche nicht persönlich nehme. "Fuck it, damn, shit, bitches, crab..." oder spontane Gesangseinlagen, das gehört zum Alltag im Atelier. Letzte Woche hat sie sogar Luftgitarre zu einem Song im Radio gespielt. Wir Angestellten schauen uns dann nur heimlich an und grinsen.
Heute sollte ich nach Feierabend noch ein Kleid bei einer befreundeten Redakteurin abliefern. Rosi hat mir ihre Telefonummer mitgegeben weil man ohne diese und gültigen Ausweis nicht ins Gebäude kommt. Das ist in vielen Bürokomplexen mittlerweile Gang und Gebe. Ein Teilnehmer musste sich sogar neulich am Eingang einen Ausweis mit Foto ausstellen lassen nur um in Untergeschoss ein Packet abzugeben.
Die Frau hat sich sehr über das Kleid gefreut und weil ich es trotz anhaltendem Regen gebracht habe, drückte zu mir 10$ in die Hand.
Momentan herrscht auf gut Deutsch ein richtiges Sauwetter hier. Die Pfützen pressen sich zentimetertief in die Straßengräben und über sie hinweg wuchert ein Schirmwald durch die Straßen. Wer sich nicht gleichzeitig aufs Laufen, die stachelnden Schirmäste, Wasserlöcher und den Verkehr konzentriert hat verlohren. Nun wird mir klar, dass die vielen Gummistiefel nicht in Mode sind, sondern von extremem Vorteil. Zumindest weiß ich nun wo ich hin muss wenn ich von A nach B will. Das Grid - also das Gittersystem nach dem NYC's Straßen ausgerichtet sind - hat enorme Vorteile. So muss man kaum auf irgend welche Karten schauen, weil man ganz einfach rechnen kann, wie viele Straßen man hoch, runter, nach links oder nach rechts muss. Das erleichtert auch das U-Bahn fahren um einiges, denn es gibt im Prinzip nur Up- oder Downtown. Heute bin ich nach der Arbeit noch in einige Billigkaufhäuser auf der Suche nach trashigen Klamotten. Die Übergrößen Abteilung ist dabei jenseits von gut und böse. Hier geht es bis zu 5XL also XXXXXL. In manche Hosen passe ich 4 Mal rein, aber nur am Bund - der Hosensaum ist genauso eng wie bei einer Normalen. Diese Dimension kann man sich nur vorstellen wenn mans einmal gesehen hat! In einem Laden hab ich dann ein paar schöne Standarttops und Unterwäsche gefunden. Die Suche nach den Umkleidekabinen war allerdings vergebens. Nicht mal Spiegel hatte der Laden... So langsam werden Manhattan und ich Freunde. Wenn man einmal begriffen hat, dass es einfach so ist wie es ist, nämlich CRAZY, dann machts super Spaß ;o)

So geht der Tag langsam zu Ende und morgen gibts dann das nächste Seminar. Dieses Mal gehts um Religion und ein Reverend wird sprechen.

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